Samstag, 26. November 2016

Hymns for a dying planet....

MARTYRDÖD haben mit ihrem neuen Album namens "List" den „perfekten“ Soundtrack zum derzeitigen Zustand unseres Planeten abgeliefert. Klassischer D-Beat Crust gepaart mit diesen melancholischen Melodien, wie sie nur MARTYRDÖD erzeugen können.


In einer Welt,in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, was konkret bedeutet, dass nach wie vor jeden Tag Menschen an Hunger sterben, während andere durch Spekulationen auf Lebensmittel viel Geld verdienen.
In einer Welt, in der politischer und religiöser Fundamentalismus immer größer wird, in der der Hass immer weiter wächst.
Eine Welt, in der man das wichtigste politische Amt der Welt bekleiden kann, wenn man genügend Geld hat und die Menschen mit dümmlichen Parolen zum Stimmvieh degradiert.
Eine Welt,in der jedes Jahr Milliarden „Nutztiere“ gequält und ermordet werden und viele Menschen dies ganz normal finden.

Ökonomie (im Sinne von Profitmaximierung als oberstes Prinzip) und Ökologie sind nach wie vor unvereinbare Gegensätze, auch wenn sogar Grünen-Politiker das Gegenteil behaupten. Klar, wenn alle Ressourcen verbraucht sind und die Erde total im Arsch ist, dann kann auch kein Unternehmen mehr Geld verdienen. Aber soweit denkt doch keiner, meistens wird gerade mal das nächste Geschäftsjahr ins Visier genommen.

Eine Welt, in der sich die Menschen über einen angedachten „Veggie-Tag“ in Kantinen so aufregen, als stünde der Weltuntergang bevor.

Wenn die Erderwärmung nicht gestoppt wird und die angedachten Ziele nicht erreicht werden, dann sind die Flüchtlinge, die in letzter Zeit nach Europa kamen bzw. versucht haben zu kommen (und dabei teilweise elendig krepiert sind), ein Klecks gegen die -zig Millionen, die dann versuchen werden, zu kommen,weil aufgrund des Klimawandels ihre Lebensgrundlagen wegbrechen werden. Wenn bei den derzeitigen Flüchtlingszahlen schon Gewalt und Hass explosionsartig ansteigen, dann kann sich jeder mit ein bisschen Fantasie ausmalen, welche Zustände in diesem Fall wohl herrschen werden...

Nein, die Erde ist in keinem guten Zustand. Mir scheint es fast so, als würden all die Fortschritte, die sowohl bei uns als auch global in den vergangen Jahrzehnten erreicht wurden, innerhalb kürzester Zeit zunichte gemacht.

Für uns ("uns" nicht im Sinne von "wir" gegen "die"-sondern in dem Sinne, dass es komplett verschiedene Lebenswelten sind) hierzulande reicht das wohl noch. Vielleicht auch noch für unsere Kinder. Und für deren Kinder ? In anderen Teilen der Welt sterben und leiden die Menschen aufgrund von Krieg, Flucht und Ausbeutung nach wie vor jeden Tag.

Wenn man eine kollektivistische Sichtweise wählt, kann man nur noch konstatieren, dass die Menschheit es nicht anders verdient hat....

Ich wollte keinem die Stimmung versauen-musste nur mal raus....





Dienstag, 25. Oktober 2016

WASTE aus Göteborg sind eine wirklich coole, neue sXe-Hardcore-Band, die auch einiges zu sagen hat. Momentan gibt es diesbezüglich sowieso wieder etwas Bewegung in Schweden, ich denke da auch an DISAVOW, ebenfalls aus Göteborg, die auch ein sehr gutes Demo vorgelegt haben. Die Demos sind übrigens auf den jeweiligen Bandcamp-Seiten der Bands kostenlos herunterzuladen.
Hey, erzählt uns mehr über WASTE. Wer seid ihr, wie alt seid ihr, in welchen Bands habt ihr vorher gespielt ? Einige Leute von Euch spielten doch auch bei LOSE THE LIFE, warum hat sich diese Band aufgelöst ? LOSE THE LIFE waren ja auch Teil der "Drogen till döden"-Dokumentation über die schwedische Straight Edge-Community. Mochtet ihr den Film und wie kam die Zusammenarbeit zustande ?

Andrea: Mein Name ist Andrea, ich bin 27 Jahre alt und sang für LOSE THE LIFE, nachdem der erste Sänger Jaan aufgehört hatte. Filip und Ich spielten in LOSE THE LIFE, aber wir lösten die Band auf nachdem die anderen Mitglieder kein Interesse mehr an der Band hatten. Also überlegten wir, was wir als Nächstes in Angriff nehmen könnten. Allerdings gab und gibt es kein böses Blut zwische uns und den anderen ehemaligen Mitgliedern, wir sind immer noch befreundet.
Ich war Teil des "Drogen till döden"-Films, ich war und bin mit dem Macher des Films, Andreas, befreundet, und insofern fragte er mich einfach, ob ich mitmachen will und darüber reden will, wie ich Straight Edge wurde und was dies für mich bedeutet. Ich war sehr aufgeregt, Teil dieses Filmes zu werden und mag ihn nach wie vor sehr. Es ist einfach schön zu sehen, wieviele Freunde dort über ein Thema reden, das mir sehr am Herzen liegt.

John: Ich bin John und 20 Jahre alt. WASTE  für mich sowohl die erste Band als Drummer als auch  die erste Hardcore-Band, in der ich spiele. Ich habe Bass für CORRECTION (auch unbedingt anchecken-Anmerkung des Verfassers) auf einer Tour gespielt, davon abgesehen bin ich aber als aktiver Musiker ziemlich neu in der Hardcore-Szene.

Filip: Ich heiße Filip und ich bin 32 Jahre alt. Wie Andrea schon erwähnte, spielte ich mit ihr zusammen bei LOSE THE LIFE, vorher auch schon mit de anderen Mitgliedern Jaan, Jens und Jarkko.Wir (ich und Andrea) hatten bei LOSE THE LIFE einfach unterschiedliche Vorstellungen und Ziele als die anderen Bandmitglieder und insofern war es das Beste, die Band aufzulösen. Dann starteten wir WASTE.

Ich liebe den "Drogen till döden"-Film. Vor zehn Jahren hörte ich auf Alkohol zu trinken und hätte nie gedacht, in welch positiver Form diese Entscheidung mein Leben verändert hat. In diesem Film denke und fühle ich, bekommt man all die Anworten, warum man Straight Edge werden wollte bzw. immer noch sein will. Die Menschen fragen mich immer noch, warum ch nicht trinke, ich gebe dann meine Standardantworten.
In dem Film gibt es alle Antworten diesbezüglich zu hören. Ich hätte gerne, dass jeder, der mich fragt, warum ich nicht trinke, sich diesen Film anschaut. Vielleicht verstehen sie dann, warum ich mich für diesen Weg entschieden habe. Andreas hat echt einen grossartigen Job bei diesem Film abgeliefert !

 

Was sind Eure musikalischen Einflüsse ? Wie verlief Eure musikalische Sozialisation, welche Bands waren die ersten für Euch als Hörer ? Was waren die ersten Punk und Hardcore-Bands die Ihr mochtet ? Euer Demo wurde ziemlich gut angenommen, richtig ? Was werdet Ihr in der Zukunft veröffentlichen und gab es bzw. wird es Live-Auftritte geben ?

Andrea: Da wir uns alle in verschiedenen Lebensaltern befinden war auch unser Zugang zu Hardcore und Punk jeweils sehr unterschiedlich. Ich fand den Zugang zu Hardcore als 15-jähriges Mädchen über meine Schulfreunde. Davor hörte ich einiges an Metal als auch Pop-Punk und Skate-Punk-Sachen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, die erste Hardcore-Platte, die ich hörte, war von TERROR "Lowest of the low". Damals lebte ich in Linköping, dort gab es eine gute Szene und insofern war ich vom ersten Tag an begeistert mittendrin in dieser ganzen Sache.

Momentan sind wir im Prozess, neues Songs für eine 7" zu schreiben. Wir wollen soviel wie möglich live spielen, auch im Ausland.

Filip: Ich bin im Herzen ein Punkrock-Kid, darüber kam ich zum Hardcore. Als Kind hörte ich viel schwedischen Punk, dann begann ich OFFSPRING, GREEN DAY und BLINK 182 zu hören (letztere höre ich immr noch, ich mag auch das neue Album sehr), bevor ich die erste Hardcore-Band für mich durch einen Freund entdeckte, die Band war HATEBREED mit dem Album "Perseverance".


Lebt Ihr alle in Göteborg ? Mögt Ihr die Stadt ? Ich war einmal in Göteborg und hoffe, bald wieder dort zu sein, da ein Freund dort lebt, ich mochte die Stadt.....Viele Leute hier in Deutschland, die härtere Musik hören, denken bei dem Namen der Stadt direkt an die bekannten Death Metal-Bands von dort, AT THE GATES, IN FLAMES, DARK TRANQUILLITY und so weiter....
Als ich in Göteborg meinen Freund besuchte, waren wir auch im Truckstop Alaska um dort SKITSYSTEM, LAUTSTÜRMER, TRIBULATION, TYRANT und TORMENTED zu sehen. Ein genialer Platz und Veranstaltungsort, wie ich finde, nicht so abgranzt wie viele Punkläden oder besetzte Häuser, aber eben auch kein kommerzieller Klub, die perfekte Mischung halt. Gibt es noch andere Plätze für Punk-und Hardcore-Shows in Göteborg ? Und organisiert das Göteborg Straight Edge-Kollektiv bzw. der Nachfolger Göteborg Hardcore noch einige Shows ?

Jonas:  Ich bin auf eine Insel, 80 km entfernt von Göteborg, gezogen. Die anderen leben aber alle noch in der Stadt. Das viele Leute beim Hören des Namen unserer Stadt direkt an den "Göteborg Death-Metal-Sound" denken, ist nichts Ungewöhnliches und kommt ständig vor. Das Truckstop Alaska ist ein cooler DIY-Ort, allerdings auch eher für ein bisschen bekanntere Bands als WASTE es momentan sind. Göteborg Straight Edge haben seit Jahren nichts mehr veranstaltet und mt Göteborg Hardcore ist es leider dasselbe. Es ist auch schwierig in Göteborg All-Ages-Shows ohne Alkoholausschank zu veranstalten (ich denke, das ist fast überall auf der Welt nicht so leicht-Anmerkung des Verfasssers). Björn, Gabriel und Gustaf von THE HAMMER (hört da auch mal rein, Bandcamp-Link siehe unten), Jacob von Göteborg Straight Edge und ich (zu dem Zeitpunkt war ich auch noch bei THE HAMMER) starteten MORAL PANIC RECORDS, um uns auf das Veranstalten von Hardcore-Shows und das Veröffentlichen von guter Musik zu fokussieren.

 

Mögt ihr das letzte REFUSED-Album ? Selbst wenn nicht mehr alle in der Band straight sind, hatten sie einen riesigen Einfluss auf diese Szene. Ich persönlich mag das neue Album sehr, auch wenn es "anders" ist.
Viele Leute sagen, REFUSED würden jetzt den grossen Ausverkauf betreiben und ihre Ideale verraten, weil sie auf Festivals spielen, die von grossen Konzernen gesponsert werden. Außerdem sagten sie einst bei der Auflösung sehr pathetisch "REFUSED are fucking dead" , jetzt sind sie wieder da...Was denkt ihr über diese Vorgänge ?

John: Am Anfang, als ich Hardcore für mich entdeckte, hörte ich ihre Alben sehr oft, das neue Album finde ich allerdings schrecklich, haha. Trotzdem wäre es cool, sie nochmal live zu sehen.

Jonas: REFUSED are fucking dead.

Andrea: Ich kenne sehr viele Menschen, die diese Band wirklich lieben, für mich persönlich hatten sie aber nie eine besondere Bedeutung. Eigentlich ist mir die Band auch ziemlich gleichgültig.
Ich sah sie einst vor einigen Jahren auf einer Art "Secret Show", sie performten grossartig, aber das war es dann auch schon.

Filip: Ich sah sie letzten Sommer im Madison Square Garden in New York zusammen mit Andreas (der "Trogen till döden"-Filmmacher) und es war eine spassige Angelegenheit. Ich habe früher nie wirklich REFUSED gehört, es fühlte sich dort auch eher an an als wäre man auf einem Rock-Konzert anstatt auf einer Hardcore-Show, haha. Eigentlich interessiert mich die Band auch nicht wirklich. Ich erinner mich aber noch an eine lustige Begebenheit: Als ich TERROR auf dem Groezrock-Festival sah, beschimpften diese REFUSED in dem Sinne, das sie keine "richtige" Hardcore-Band mehr seien. Später sah ich TERROR auf dem "This is Hardcore"-Festival in Philly und sie "dekorierten" die lautsprecher und das Drumset mit Monster-Merchandise, und da fragte ich mich, ob dies jetzt so "true" sie, haha.


Vor vielen Jahren las ich im deutschen Rock Hard-Magazin ein Interview mit der schwedischen Crustpunk-Kapelle Wolfpack (sie wurden sogar mal im deutschen Fernsehen in VIVAs "Metalla" interviewt, erinnert sich noch jemand ?, seit einigen Jahren heissen sie Wolfbrigade), dort sagten sie, die schwedische Straight Edge-Szene wäre riesig. Existiert nach wie vor eine grosse, separate Straight Edge-Szene in Schweden ?

Jonas: Ich würde nicht behaupten, dass es eine solche separierte Szene gibt. Die schwedische Szene ist zu klein und ich glaube, dass jeder wegen des gleichen Grundes dort involviert ist, nämlich wegen der Liebe zur Musik.

Andrea: Es gibt wohl einige Kids im hohen Norden in Kiruna, die dort eine neue Straight Edge-Szene gegründet haben ,was ich ziemlich cool finde.

Was sind eure Gedanken über schwedischen Punk und Hardcore ? Es gab und gibt so viele grossartige Bands wie ASTA KASK, MOB 47,  ASOCIAL, WARCOLLAPSE, DISFEAR, UNCURBED, VICTIMS, WOLFPACK / WOLFBRIGADE, MARTYRDÖD, SKITSYSTEM, DRILLER KILLER, MEANWHILE, DISCHANGE, AVSKUM, TOTALITÄR, KVOTERINGEN, KRIGSHOT, AGRIMONIA, BURNING KITCHEN, PARASIT, AHADES OF GREY,  AGE OF WOE, MASSMÖRD, BROTTSKOD 11 und natürlich MILLENCOLIN. Mögt ihr auch einiges von diesem ganzen Crustpunk-Stoff, für den gerade Schweden so bekannt ist in der Szene ?

Jonas:  Ich mag einiges von diesem Crust-Zeugs, aber es ist nichts, was ich jeden Tag hören würde. AGE OF WOE ist eine wirklich hart arbeitenden Band und ihre LP namens "Inhumanform" ist wirklich gut (AGE OF WOE veröffentlichten übrigens vor kurzem ihre neue LP namens "An ill wind blowing"-Anmerkung des Verfassers) ! Ausserdem mag ich FREDAG DEN 13:E sehr, welche ich übrigens viel besser finde als die meisten der von Dir aufgezählten Bands. Und MILLENCOLIN sind MILLENCOLIN, ich glaube, da muss man nicht mehr zu sagen, sie sind grossartig !

Andrea: Ich war niemals ein Fan dieser Art von Punk, Crust war nie mein Ding. Ich bin aber auch ein riesiger Millencolin-Fan. Deren Album "Pennybridge Pioneers" ist einer meiner Alltime-Faves, ich hörte es als Kind immer bei meinem Cousin. Rückblickend kann ich sagen, dass mit diesem Album meine Liebe zu Punk und Hardcore geweckt wurde.

John: Anfänglich hörte ich, wie bereits erwähnt, sehr viel schwedischen Punk. Allerdings war ich nie ein Fan dieser ganzen Crustpunk-Bands. TOTALITÄR mochte ich allerdings immer, ansonsten hörte ich auch viel MILLENCOLIN und ASTA KASK. Heutzutage höre ich allerdings kaum noch schwedische Bands.


Haben Eure Texte eine politische Aussage ?

Andrea: Filip spielte ja mit mir in LOSE THE LIFE, welches definitiv eine politische Band war. Als wir WASTE starteten, überlegten wir, das Ganze etwas "neutraler" zu gestalten und uns nicht so sehr auf Politik zu fokussieren. Das funktionierte allerdings nicht wirklich, WASTE ist auch eine sehr politische Band, wenn auch vielleicht nicht so sehr wie LOSE THE LIFE. Bei WASTE ist es vielleicht etwas subtiler, also eher zwischen den Zeilen zu lesen. Ich war schon immr sehr politisch und habe auch immer Texte geschrieben, die sich um persönliche Erfahrungen drehen, also denke ich, ist es ziemlich natürlich, dass ich über Dinge und Themen schreibe, die mich interessieren.

Ich glaube, dass Schweden zusammen mit Deutschland, die meisten Flüchtlinge während der letzten Monate aufgenommen hat. Ich hörte, dass Schweden die Grenzen geschlossen hat, bzw. versucht hat sie für Flüchtlinge zu schliessen, so dass nur noch wenige Flüchtlinge einreisen können.....Hier in Deutschland gab es viele fremdenfeindlich motivierte Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte, rechte Parteien wie die AfD werden leider immer populärer. Wie ist die Situation bei Euch ?

Andrea: Rechtspopulismus wird leider überall in Europa immer populärer (nicht nur in Europa, man denke nur an den momentanen Wahlkampf mit Donal Trump in den USA-Anmerkung des Verfassers). In Schweden heisst die bekannteste rassistische Partei "Sverigedemokraterna" ( Schweden-Demokraten), letztendlich sind sie nur ein Haufen Nazis in Anzügen. Wie alle diese Menschen, haben sie sehr einfache Lösungen für die komplexen Probleme unserer Zeit, die so dumm sind, z.B. sehen sie den Islam bzw. die Moslems im Allgemeinen nur als Bedrohung für unsere Gesellschaft. Und es gibt noch noch weitere Parallelen zu Deutschland, auch hier brennen Häuser, in denen Flüchtlinge untergebracht sind und die Öffentlichkeit schert sich noch nicht mal großartig darum, was das Traurigste an der ganzen Sache ist.
Ich denke, diese Parallelen sind auch dadurch begründet, dass die Einwohner beider Länder im Allgemeinen bisher ziemlich privilegiert leben konnten und sie jetzt Angst um ihren Lebensstandard haben und unwillig oder unfähig sind, ihre Perspektive zu ändern.

In Schweden ist Prostitution seit 1998 verboten, oder ? Hat dies was gebracht, gehen jetzt weniger Männer zu Prostituierten ? Im Allgemeinen denke ich, ist es ein gutes gesellschaftliches Signal, dies zu kriminalisieren, und es wäre sowieso schön, wenn kein Mann Sex kaufen würde, aber wir leben nun mal nicht im Paradies.
Die Sache ist halt, ob man durch eine Verbot Prostitution nicht in den Untergrund drängt, wo die Frauen noch unsicherer, rechtloser und gefährdeter sind und auch für Sozialarbeiter etc. noch schwerer zu ereichen sind. Was denkt Ihr und was ist der Stand der Dinge ?

Andrea: Nein, Prostitution an sich ist hier nicht verboten, es ist nur nicht so legal wie in anderen Ländern. Das schwedische Modell besagt, dass es legal ist, Sex zu verkaufen, aber illegal Sex zu kaufen, d.h. es können nur die Freier bestraft werden. Ich wäre für eine komplette Legalisierung, wenn es einen positiven Effekt auf das Leben der Prostituierten hätte, aber die Aussagen dazu sind widersprüchlich. Ein weiteres Problem ist, dass wir nachwievor in einer patriarchalen, männerdominierten Gesellschaft leben, die Frauen oftmals als nicht gleichwertig ansieht oder das Bild vermittelt, dass Frauen zum Lustgewinn von Männern existieren. Bis diese Einstellungsmuster verschwunden sein werden wird es auch Probleme mit legaler Prostitution geben, da dadurch diese Strukturen aufrechterhalten werden.

Die nächste Frage knüpft in gewisser Weise daran an. Die niederländische, sehr populäre Straight Edge-Band VITAMIN X ist für die Legalisierung von Drogen. Sie argumentieren halt ( wie mittlerweile immer mehr Menschen, gerade aus der politisch linken Ecke), daß die Menschen, wenn sie wollen, sowieso an Drogen kommen und diese konsumieren. Wenn man den Verkauf ( z.B. durch Apotheken) und den Gebrauch entkriminalisiert, verdient immerhin der Staat am Drogenverkauf, diese Geld könnte idealerweise in Drogenprävention investiert werden oder in Suchtberatung und Entzugsprogramme. Zudem könnten Dealer keine dreckigen, verunreinigten Drogen mehr verkaufen, was ja im Extremfall schon zu Todesfällen bei Konsumenten geführt hat. Was meint Ihr dazu ?

Andrea: Ich verstehe was sie sagen und die Überlegungen, die dahinter stehen, aber ich stimme trotzdem nicht zu. Ich kann nachvollziehen, dass es für einige Menschen, die Drogen nehmen und sich in schlimmen Lebenssituationen befinden, es erleichternd sein könnte, wenn die Kriminalisierung wegfallen würde. Trotzdem fände ich es total unverantwortlich, Drogen komplett zu legalisieren, gerade weil wir auch den Langzeiteffekt mancher Substanzen noch gar nicht kennen. Viele Statements, die für die Legalisierung sind, basieren auf Spekulationen, auf der anderen Seite ist es bewiesen, daß striktere Gesetzte bezüglich Alkohol- und Drogenkonsum einen rückwärtigen Konsum bewirken. Wenn es mehr wissenschaftliche Untersuchungen und Statistiken diesbezüglich gibt, kann man mich aber auch von der Notwendigkeit einer Legalisierung überzeugen. Bis dahin halte ich aber eine komplette Legalisierung von Drogen für falsch.

Könnt Ihr noch einige coole Bands, vielleicht auch gerade unbekanntere, aus Schweden bzw. aus Eurer Region empfehlen ?

Andrea: Nicht wirklich unbekannt, aber jeder sollte mal NEIGHBORHOOD, THE HAMMER, LOWEST CREATURE und WAR NERVE anchecken, das sind die momentan besten Bands, die Schweden zu bieten hat. Auch entstehen hierzulande gerade einige neue Bands. Ich will nicht zu früh etwas versprechen, weil das noch alles in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung ist, aber diese Band(s) wird/ werden Mitglieder oben erwähnter Bands beinhalten.

John: Meiner Meinung nach ist LOWEST CREATURE momentan die mit Abstand beste Band in Schweden, also hört sie so schnell wie möglich an !


https://xwastex.bandcamp.com
https://www.facebook.com/xwastex
https://uglyandproudrecords.bandcamp.com/album/lose-the-life-the-end-of-conformity
https://hammerhc.bandcamp.com
https://www.facebook.com/moralpanicrec
https://xcorrectionx.bandcamp.com

Dienstag, 30. August 2016

Dieses Interview mit NEURON führte ich im fernen Jahr 2005, kurz vor der damaligen Bundestagswahl für das Trust-Fanzine. Es wurde im Trust Nr. 115 veröffentlicht, welches auf der Trust-Homepage (Link siehe unten) immer noch nachbestellt werden kann.
Ich erinnere mich noch relativ gut an das Telefongespräch, obwohl seitdem immerhin 11 Jahre vergangen sind, die Band sandte mir damals als Dankeschön noch ein Shirt.
Nach dem Release des Debütalbums, das als Anlass für dieses Interview diente, war die Band nur noch sporadisch aktiv und hatte wohl immer Probleme, einen geeigneten Drummer zu finden, es wurde auch nur noch ein Coversong für den Disrupt-Tribute-Sampler, den ich auch weiter unten im Interview verlinkt habe, veröffentlicht.  Der letzte Eintrag auf der Homepage (Link siehe unten) stammt aus dem Jahr 2011, und ich glaube, seitdem ist die Band auch endgültig tot. Das Album finde ich übrigens auch heutzutage ziemlich gut. Dr. Oliver Fröhlich, der bei NEURON den Bass bediente, schreibt seit einigen Jahren übrigens für das OX-Fanzine, wenn er nicht gerade als Oberarzt tätig ist. Here we go:


NEURON aus Kiel sind eine neue Band am deutschen Krachhimmel. Schon als ich damals die Ankündigung ihres Labels Epistrophy las, wurde ich neugierig, deutschsprachiger Crust/ Grind, was mochte sich genaueres dahinter verbergen? Natürlich dachte ich direkt an Audio Kollaps, ihre Labelkollegen aus Hannover.
Als ich dann das Debutwerk „Gleichschritt“ zum ersten Mal hörte und die meist aus wenigen Schlagworten bestehenden Texte las, verstärkte sich dieser Eindruck noch. Sie als Plagiat zu bezeichnen, wäre aber dennoch sehr vermessen, denn erstens verfügt die Band über eine eigene Note und zweitens haben Neuron einfach verdammt starke Songs im Gepäck- den Anspruch, die Musikwelt zu erschüttern, gibt es seit Napalm Death`s „Scum“ in diesem Sektor der Musik sowieso nicht mehr. So kam es, dass eines Abends Gitarrist und Sänger Hendrik bei mir anklingelte.

Wer sind NEURON überhaupt ?

Wir sind zu viert, zwei Gitarristen, Owe und ich, ein Bassist, Olli, wobei alle drei singen, und ein Schlagzeuger, Sören. Der Gesang ist mehr oder weniger zu gleichen Teilen aufgeteilt. Es gibt sozusagen drei Frontleute, oder auch keinen, je nachdem wie man das sehen will.

Wie kam es zur Gründung von NEURON ?

Es fing damit an, dass die Vorgängerband von Neuron, Fleischwolf, mich als Sänger aufgenommen hat, sich dann jedoch aufgelöst hat, weil der Schlagzeuger ausgestiegen ist. Die restlichen drei haben sich dann überlegt, weiterzumachen, und haben sich einen neuen Schlagzeuger gesucht. Dieser neue Schlagzeuger, der Sören, hat das Ganze enorm stilistisch verändert. Das war dann metallischer Hardcore. Der Sören, hat das Ganze dann auf ein sehr hohes Geschwindigkeitslevel gebracht, was wir ursprünglich auch wollten. Dann kam der Crust / Grind / Death Metal- Einschlag mit rein. Da hatten wir sowieso Lust drauf, auf diese Art von Mucke. Seit 2001 spielen wir nun in dieser Besetzung richtig schnelle Musik.


Was sind eure musikalischen Einflüsse?

Die beiden anderen Saiteninstrumentalisten kommen mehr aus dem Punk / HC- Bereich, ich hingegen komme mehr aus dem Metal. Unser Schlagzeuger hört alles, wo ein guter Schlagzeuger zu vernehmen ist. Letztlich ist es so, dass es uns allen so geht, dass jeder mittlerweile alles hört, von Indie / Noiserock wie Shellac bis hin zu Death / Grind wie Misery Index. Wir sind also stilistisch, was unsere Hörgewohnheiten betrifft, absolut nicht festgelegt, und das betrifft auch das aktive Musikmachen.

Ist es Euch auch egal, wo ihr eingeordnet werdet? Seht Ihr Euch als Teil einer bestimmten Szene?

Gesinnungsgemäss sind wir alle eindeutig HC. Politisch kommen wir alle aus dem linken Spektrum, wir wollen auch mit Vorsatz politische Musik machen. Unsere Texte sind alle politisch und wie für die meisten HC-Bands auch, sind uns die Texte genauso wichtig wie die Musik- demnach würden wir in die HC- Szene gehören, allerdings spricht unsere Musik auch Metal-Publikum an. Wir haben das Glück in beiden Szenen bestehen zu können, wobei beide Szenen ganz klar sowohl Vor- als auch Nachteile haben.


Diese wären? Wahrscheinlich das Unpolitische beim Metal.

Genau. Beim Metal ist es das Unpolitische. Dass Bands, die was auf sich halten, ein Festival mit den Böhsen Onkelz spielen, geht gar nicht. Beim Punk / HC stört mich persönlich, dass es oft sehr dogmatisch zugeht. Ich habe lange Haare, und das allein reicht manchmal, um in der Szene angefeindet zu werden. Ich habe schon Sachen gehört wie “ dir schneiden wir gleich die Haare ab „. Einmal waren wir am Einlass eines Clubs in dem wir spielen sollten, jemand musterte mich von oben bis unten und meinte dann, das hier sei ein Punk-Club, was ich denn hier wollen würde. So was wiederum passiert dir in der Metal-Szene nicht, da ist es den Leuten scheissegal was du trägst und wie du aussiehst, und wenn ihnen die Musik gefällt, ist alles in Ordnung.

Siehst Du das auch so, dass einige Leute aus der Punk- und HC-Szene bestimmte politische Ansichten nur deshalb vertreten, um konform mit der Szene zu sein?

Kann ich so nicht bestätigen. Diese Leute gibt es bestimmt oder aber jene, die dieses „in-it-for-the music“ praktizieren und politisch desinteressiert sind. Das sind aber bestimmt einige wenige und uns bisher noch nicht begegnet. Wir waren letzten Herbst drei Wochen mit Acao Direta aus Brasilien auf Tour, haben dort sehr viele Leute kennen gelernt und hatten auch viel mit den Organisatoren der Konzerte zu tun, und die Leute, die in den Squats wohnten, in denen wir gespielt haben, nehmen ihre Einstellungen und Ideale sehr ernst. Zumindest ist das bei mir so angekommen.

Kommen wir noch mal zurück zur Musik. Ein Stück, nämlich „Wirklichkeits-kontrolle“, fällt ein wenig aus der Rolle, erinnert es doch, nimm es als Lob, wenn Du willst, an neuere Sepultura. Kannst Du das nachvollziehen?

Das kann ich nachvollziehen, das ist das einzige Stück das bei uns tempomässig deutlich rausfällt. Wir hatten noch ein paar langsame Riffs übrig, und so ist das Stück dann halt entstanden. Wir sind jetzt nicht mit dem Vorsatz daran gegangen, ein Sepultura-Stück zu schreiben, aber wir finden es doch schon wichtig, Kontrapunkte im Gesamtkontext eines Albums zu setzten.
Alben von Bands wie z.B. Benumb oder Pig Destroyer rauschen an mir einfach vorbei, eben weil die eine halbe Stunde lang nur blasten und das war`s dann. Eine gewisse Dynamik ist schon wichtig, da sind wir uns in der Band auch einig. Wir versuchen schon, die Tempi zu variieren, und dann kommt halt ein Stück raus wie „Wirklichkeits-kontrolle“.


Kommen wir mal zu den Texten. Diese bestehen meist aus wenigen Schlagworten. Ihr weist zwar im Booklet darauf hin, dass es sich bei den Texten nicht um eine erschöpfende Reflexion handeln kann, besteht aber nicht trotzdem bei solchen Texten die Gefahr der Vereinfachung oder des Schwarz -Weiss -Sehens?

Da gebe ich Dir Recht. Die Texte sind so kurz, da kann man nur vereinfachen. Unsere Musik ist ja auch nicht sehr differenziert. Und die Texte eben auch nicht, die sind „voll -auf`s -Maul“. Die Menschen aber, die gewillt sind, sich mit diesen Themen, die wir ansprechen, auseinanderzusetzen, die wissen, da bin ich mir sicher, wie sie diese Texte zu verstehen haben. Erstmal würden wir niemals Sachen schreiben wie „nimm dir einen Pflasterstein und schmeiss ihn in ein Schaufenster“; das wäre überzogen.
Aber die deutlichen, deutlich überzeichneten Worte verstehen die Leute schon richtig. Wir spielen ja nicht für die Indizierungsbehörde, die bestimmt schlecht auf uns zu sprechen wäre, wenn sie einiges von uns lesen würde, sondern für Leute, die schon wissen, worum es geht. Die wissen auch, dass solche Texte grundsätzlich vereinfachend sind. Man kann halt ein Thema wie Globalisierung nicht in einem Song differenziert behandeln, dass kann nicht ausführlich sein.

In vielen Eurer Titel sprecht ihr staatliche Kontrolle an, und, wenn ich diesen Zusammenhang richtig verstehe, die zum Teil daraus resultierende Konformität der Massen. Habt Ihr da selbst persönliche Erfahrungen in Eurem Umfeld gemacht, oder was hat Euch zu diesen Texten inspiriert?

Tagtägliches, das was wir erleben, hat uns zu diesen Texten bewogen. Du kriegst z.B. mit, dass acht Millionen Big Brother gesehen haben, da frage ich mich, wo da dass Gehirn ist. Oder dass Menschen eine Partei wählen, die dafür ist, Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen einzuführen bzw. zu verstärken.
Um solche Themen geht es in „Wirklichkeits-kontrolle“. Die Texte sind durch persönliche Erfahrungen entstanden, aber im Grunde sind sie dadurch entstanden, dass ich versuche (Hendrik verfasst auch die Texte -Anm. des Verfassers), mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und ab und zu mal Tagesschau zu sehen. Das ist dann schon genug an Inspiration, um solche Texte zu schreiben.


Den Text zu „Freiheit“ finde ich auch sehr interessant. Es geht um die angeblichen Wahlmöglichkeiten, die Optionen, die man hat und einem heute noch bleiben. Empfindet Ihr es auch als einengend, in solch einer konsumorientierten Welt zu leben, in der einem die grosse Freiheit vorgegaukelt wird, man sich aber im Endeffekt nur zwischen Marke A und Marke B entscheiden kann ?

Ja, natürlich empfinden wir dies als einengend. Wie du schon sagst, es bleibt nur die Wahl zwischen Marke A oder B; des weiteren ist es kaum möglich, etwas zu realisieren, was auch ökologisch und ökonomisch Sinn macht – egal ob du Adidas oder Nike kaufst, beides kommt aus Korea und wurde von Kindern gefertigt.
Du kriegst halt nicht alles im Dritte-Welt-Laden. Darum geht es auch in der ersten Strophe, das ist, was wir unter „Konsumtempelfreiheit“ verstehen, du hast die Wahl, aber es ist nichts Gutes dabei.

Wie seht Ihr Deutschland im Moment, bzw. eure nächste Umgebung ? Glaubt ihr, gerade in Hinblick auf die Wahlen (das Gespräch fand noch vor den Bundestagswahlen statt – Anm. des Verfassers), dass sich bei einer unionsgeführten Regierung das Klima in diesem Land verschlechtern wird ?

Das glaube ich schon. Die rot-grüne Regierung gehört jedoch auch definitiv abgesetzt. Sie hat es nicht verdient, einen weiteren Auftrag, für diese Scheisse, die sie in den vergangenen Jahren gemacht hat, Stichwort Sozialabbau, zu erhalten. Allerdings muss man auch sagen, dass die Alternative, eine unionsgeführte Regierung, eine Verschärfung desselben wäre. Von daher glaube ich schon, dass eine schwarz-gelbe Regierung noch unheilvoller wäre für Leute wie uns, aber es gibt halt auch keine wirkliche Alternative.

Werdet ihr am 18. September wählen gehen oder werdet ihr Euch komplett enthalten?

Das ist eine gute Frage. Da liege ich mit mir selbst im Widerstreit. Im Grunde genommen soll man ja eine Volksvertretung wählen, und keine der Parteien vertritt meine Interessen, also kann ich eigentlich nicht wählen gehen. Aber wenn ich nicht wählen gehe, dann wähle ich, nach den derzeitigen Vorzeichen, schwarz-gelb. Alle, die jetzt nicht mehr wählen gehen, sind jene, die keinen Bock mehr auf die SPD und die Grünen haben., das heisst, der prozentuale Anteil derer, die schwarz-gelb wählen, wird dadurch grösser.
Wenn man also zu Hause bleibt, kann man auch gleich CDU wählen. Den anderen in der Band geht es genauso, die wissen auch nicht, was sie machen sollen. Wir haben da im Proberaum schon drüber gesprochen, wir reden öfters mal über solche Themen, und keiner weiss, was er da tun soll. Wir haben am 17. September abends ein Konzert, vielleicht sind wir ja auch nicht rechtzeitig wieder zu Hause, dann hat sich das Problem schon von alleine gelöst. Ich gehe aber schon davon aus, dass wir am Sonntag mit dem Wahlschein in der Hand in unserem Kämmerlein hocken werden und überlegen werden, was wir nun machen sollen.

Denkst Du denn, dass die Linkspartei eine Alternative sein kann ?

Was ihre Inhalte betrifft, glaube ich das schon. Sie ist im Grunde genommen das, was die SPD sein sollte, das sind traditionelle SPD-Themen, welche die Linkspartei vertritt, Stichwort Umverteilung, Solidarität, Steuererhöhung für die Reichen etc. Aber, das ist zwar noch nicht unbedingt ein Grund, sie nicht zu wählen, sie werden sowieso nicht in die Regierung kommen.
Und zweitens habe ich ein handfestes Problem mit den beiden Spitzenkandidaten, vor allem mit Lafontaine. Der wohnt in einem Palast und erzählt was von gesetzlichen Mindestlöhnen, da kommt mir die Kotze hoch. Also auch in diesem Falle tue ich mich schwer, an dieser Stelle mein Kreuzchen zu machen.

Seid Ihr sonst noch anderweitig politisch aktiv?

Also organisiert ist keiner von uns, politisch interessiert sind wir alle, ich interessiere mich für attac, der Sören macht mit bei „pro Regenwald“ , besitzt auch in Südamerika eine kleine Parzelle Land, die er für `n Appel und `n Ei gekauft hat, und die, da sie ihm gehört, nicht abgeholzt werden darf. Ich versuche halt, informiert zu sein, gerade durch Indiependent-Medien, durch`s Internet, was eine sehr sinnvolle Sache sein kann, aber wirklich politisch aktiv sind wir nur im Rahmen der Band.

Was macht Ihr, wenn Ihr nicht gerade mit Neuron lärmt? Ich glaube, ihr seid alles Studenten bzw. habt das Studium schon abgeschlossen, ist das richtig ?

Das ist richtig. Unser Bassist, der Ollie, ist Dr. med., relativ ungewöhnlich, er ist Anästhesist im Krankenhaus, unser zweiter Gitarrist, der Owe, ist Doktor der Philosophie, Sören studiert noch Jura, mit dem Vorsatz, das System zu kennen, um dann aktiv etwas dagegen unternehmen zu können. Das finde ich sehr löblich, ist aber bestimmt auch sehr schwer. Ich selbst habe Sport studiert und bin gerade fertig geworden.

Ich nehme einfach mal an, ihr kommt alle aus der Mittelschicht.

Das ist richtig. Wir sind sozusagen alles „rich kids“.

Was entgegnet Ihr Leuten, die sagen, ihr greift den Staat an, von dem Ihr im Grunde auch profitiert habt?

Denen würde ich sagen, dass diese Analyse zunächst nicht falsch ist; ich bin in eine Situation hineingeboren worden, in der ich, zumindest bis zum Studienbeginn, materiell nie irgendwelche Probleme hatte. Aber für diese Situation bin ich nicht verantwortlich. Sich dann auf diesem sozialen Status auszuruhen, und Desinteresse an der sozialen Lage anderer Leute zeigen, daraus kann man jemandem einen Vorwurf machen.
Ich glaube, das hat keiner von uns gemacht, wir haben uns auch für Leute interessiert, die nicht in diese privilegierte Situation hineingeboren wurden. Abgesehen davon, hat jeder von uns neben dem Studium gearbeitet und lebt von dem Geld, für das er selbst gearbeitet hat. Wir sind keine Muttisöhnchen, die sich auf dem Sozialstatus der Eltern ausruhen. Der Vorwurf, den du ansprachst, liegt natürlich nahe; aber für die sozialen Verhältnisse, in die man geboren wird, kann man nichts; es kommt darauf an, was man dann daraus macht.
Man kann mit Sicherheit immer mehr machen, als man dann tatsächlich tut; aber man kann auch deutlich weniger tun, und wir versuchen, kritisch zu bleiben und uns nicht auf unserem Status auszuruhen, sonst würden wir nicht bei NEURON spielen und vier Wochen lang durch besetzte Häuser touren, was übrigens eine grossartige Erfahrung war.

Kannst du uns diese Tour kurz schildern? War sie gut besucht? Welches Publikum war bei den Gigs anwesend ?

Ein paar Konzerte waren sehr geil, der Laden war rappelvoll, und irgendwelche Leute, die uns gar nicht gekannt haben können, wollten unsere T-Shirts kaufen. Ein paar schlecht besuchte Konzerte waren natürlich auch dabei, der Negativrekord waren sechs Zahlende, da muss man halt mit leben, wir haben dann mit langen Unterhosen und Sonnenbrillen bekleidet gespielt und unseren Spass gehabt, und die sechs Leute fanden es geil.
In so einer Situation muss man halt einfach das Beste draus machen. Das Publikum war auch sehr gemischt, von Alternative-Kids über Punks und Metaller war alles dabei, das fand ich auch sehr schön auf dieser Tour, sozusagen Varukers- neben Vader-Shirts, und alle haben Spass gehabt, das sieht man selten. Diese verschiedenen Szenen, in denen wir sind, die sind schon sehr scharf voneinander getrennt, auch per Dogma.

Mit wem würdet Ihr denn gerne einmal touren, meinetwegen auch rein fiktiv?

Wenn ich mir das aussuchen könnte, dann würde ich gerne einmal mit Napalm Death und Bolt Thrower touren.


Gibt es vielleicht einmal die Möglichkeit, Euch zusammen mit Audio Kollaps auf Tour zu sehen? Stilistisch ähnlich, würde das doch ein gutes Package abgeben.

Wir haben immer mal geplant, zusammen zu spielen, es hat sich aber bisher aus zeitlichen Gründen noch nicht ergeben. Wir haben auch eine Split- Veröffentlichung zusammen mit Audio Kollaps geplant, wir kennen uns, mögen uns und sind ja auch auf dem gleichen Label, und sprechen immer darüber, dass wir was zusammen machen wollen. Aber wie gesagt, bisher hat es noch nicht so hingehauen.

Wie seid Ihr mit Eurem Label Epistrophy zufrieden?

Wir sind mit Epistrophy sehr zufrieden. Wir kennen den Frank Ahorner (Betreiber von Epistrophy-Anm. des Verfassers) auch persönlich, er ist ein extrem lieber Mensch, der alles tut, um die Bands, die er unter Vertrag hat, zufriedenzustellen. Er hat für uns nicht nur ein Format des Albums gemacht, sondern CD und Vinyl, des weiteren hat er uns für die Tour T-Shirts, Longsleeves, Kapuzenpullis und Aufkleber gemacht, ohne dass wir darum gebeten hätten.
Ich hab vor diesem Menschen allerhöchsten Respekt, er reisst sich echt den Arsch auf und tut alles, wenn er von einer Band überzeugt ist. Von daher läuft es perfekt. Wenn wir noch mal etwas veröffentlichen, und wir sind gerade dabei Songs für die nächste Platte zu schreiben, dann würden wir gerne, wenn Frank Lust dazu hat, wieder bei ihm veröffentlichen.

Ihr arbeitet mit einer Promo-Agentur (Black Earth – Anm. des Verfassers) zusammen. Wie wichtig ist Euch noch der D.I.Y-Gedanke?

Also erstmal läuft es bei uns auf D.I.Y. hinaus, letztlich machen wir immer noch fast alles selbst. Der Mensch der hinter Black Earth-Promotion steht, ist voll in die Metal-Szene integriert. Wir kennen ihn durch eine befreundete Band, mit der wir uns den Proberaum teilen. Dann dachten wir uns, der könnte doch für uns auch mal was machen, aber bisher hat sich noch nichts ergeben; er wollte uns z.B. auf eine Impaled Nazarene-Tour packen, aber mit diesen Leuten, die Hasslieder gegen Homosexuelle schreiben, wollen wir nichts zu tun haben.
Alles was wir bis jetzt gemacht haben, die Platten-Aufnahme, die Finanzierung dieser, die Organisation der Tour, ist auf D.I.Y.-Basis geschehen. Andererseits muss man natürlich auch sagen, dass wenn man so eine Promo-Agentur hinter sich stehen hat, und es funktioniert, kann man mehr erreichen.
Wir sind demnächst fast alle mit Fulltime-Jobs ausgelastet, da hat man dann einfach nicht mehr soviel Zeit, um sich um alles zu kümmern; wir haben dieses Jahr z.B. erst zwei Konzerte gespielt, was natürlich an diversen Studienabschlüssen lag, aber wenn man noch jemanden hat, der sich um Gigs etc. kümmert, kann man, wie gesagt, mehr erreichen. Ich habe auf jeden Fall kein ideologisches Problem mit einer Promo-Agentur.

Ich würde gerne mal auf Eure Heimatstadt Kiel zu sprechen kommen. Seltsamerweise kommen aus Kiel, in Relation zu seiner Grösse (250.000 Einwohner -Anm. des Verfassers), sehr viele gute und bekannte Bands, so z.B. Smoke Blow, Bonehouse oder eben Neuron. Wie erklärst Du Dir das ?

Woher das kommt, frage ich mich auch. Vielleicht liegt es an den vielen Studenten hier in Kiel, genau erklären kann ich mir es aber auch nicht. Für die Grösse der Stadt, ist die Anzahl der Bands wirklich enorm. Wenn man sich in der hiesigen Szene umschaut, trifft man auch Musiker, die wirklich schweinegut sind, aber wie gesagt, eine wirkliche Erklärung habe ich dafür nicht.


Wie ist der aktuelle Stand der Dinge bezüglich der „Alten Meierei“ in Kiel? Bist Du da Informiert?

Neulich sollte dort ein Konzert stattfinden, dies wurde, unter Androhung der Räumung, untersagt. Wegen irgendwelcher Brandschutzbestimmungen durfte das Konzert nicht in der „Alten Meierei“ stattfinden, also haben die Organisatoren das Konzert nach draussen gelegt. Ich weiss nicht, ob dass Konzert draussen stattfand, wenn ja, frage ich mich, ob das wirklich klug war, weil die Nachbarschaft sich dann massiv beschweren könnte. Ich habe aber von irgendwelchen negativen Konsequenzen bisher nichts gehört.

Noch was anderes zum Ende des Interviews: ich hab gelesen, einer von Euch hat irgendeinen komischen „Erbsenzähler-Preis“ im Rock Hard gewonnen. Erzähl doch mal was dazu.

Ja, das war ich. Eigentlich ging das Ganze auf eine Idee von Owe zurück. Ich habe mir im Laden das neueste Album von Corrosion of Conformity gekauft, was ich normalerweise nie tun würde, da mir neue CDs zu teuer sind.
Dann habe ich gemerkt, dass auf der CD ein Überspielfehler drauf ist, ein Sprung in der Gesangsspur, wohl beim digitalen Vervielfältigen passiert. Dann habe ich an die Plattenfirma geschrieben, ob denen das nicht aufgefallen ist, denn normalerweise wird das Produkt, bevor es in den Laden kommt, ja auch noch einmal gehört. Das lässt drauf schliessen, dass es den Leuten schlichtweg egal war. Na ja, das Label hat auf meine Anfrage jedenfalls nicht reagiert, und Owe meinte zu mir, ich solle doch mal ans Rock Hard schreiben, um so was kümmern die sich bestimmt.
Das haben sie auch gemacht, haben meinen Leserbrief an das Label weitergeleitet und die haben mir daraufhin ein Paket mit ein paar CDs und einem Video drin als Wiedergutmachung geschickt. Aber das Rock Hard konnte sich halt nicht verkneifen, mir den Erbsenzählerpreis zuzuschreiben. Wie gesagt, die Störung auf der CD ist minimal, aber wenn man sie einmal hört, dann hört man sie immer, und wenn eine CD 16 Euro kostet, muss sie in Ordnung sein.

Was bringt die Zukunft für Neuron?

Wir sind jetzt mal wieder soweit, dass wir die ganze Sache in die Hand nehmen können, was diese Jahr nicht so ging, unser Bassist hatte z.B. Facharztprüfung. Jetzt aber können wir wieder so richtig durchstarten, haben auch im Prinzip genug Songs, um die nächste Platte aufzunehmen; diese existieren aber im Prinzip bisher nur in unseren Köpfen, bzw. auf unseren Tapes; jetzt müssen wir uns daran begeben, die Songs auszuarbeiten. Wir spielen demnächst in Hannover auf einem Event, das „Epidrome“ heisst, von Frank Ahorner und Epistrophy organisiert, und dann folgen Ende des Jahres vielleicht noch ein paar Gigs.

Letzte Worte?

Bleibt wach, sonst gewinnen die anderen.

http://www.neuroncrust.de
https://trust-zine.de


Mittwoch, 29. Juni 2016

„Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte”

 

Nun liegt endlich das lange versprochene Interview mit SCHLACHTUNG vor. Ich muss dazu sagen, dass ich die Band damals in der Demo-Ecke des Rock Hard entdeckte, und mir ihre grindig-crustigen Songs damals schon sehr gefielen, zusätzlich punktete die Band noch mir einer radikalen Animal Rights-Attitüde. Die neuen Songs sind aber nochmals eine Steigerung zum schon sehr guten Vorgänger, sie sind vielschichtiger, da hier auch verstärkt Elemente aus dem Black Metal eingeflossen sind. Zudem will ich nicht unerwähnt lassen, das mir selten so reflektierte Gesprächspartner im Musikbereich über den Weg gelaufen sind, es ist eines der interessantesten Interviews geworden, die ich bisher geführt habe. Aber lest nun selbst..



Hallo, stellt die Band doch mal kurz vor. Seit wann gibt's euch, warum habt ihr die Band gegründet ?

Micha: Moin Gerald! Zu SCHLACHTUNG gehören Chris (6-Saiten), Holger (4-Saiten), Moritz (Trommel) und ich, Micha (Worte). Ursprünglich kamen wir alle aus Paderborn und direkter Umgebung, allerdings hat sich das arbeitsbedingt etwas geändert, sodass wir nun im Dreieck Paderborn – Münster – Lemgo leben, was besonders im Hinblick auf Proben natürlich gewisse Kompromissbereitschaft voraussetzt. Klappt aber, wenn man es will!
Uns als Band gibt es tatsächlich schon seit nunmehr fast sieben Jahren. Irgendwann 2009 – so genau weiß ich das gar nicht mehr – begannen die ersten Jam-Sessions, nachdem Chris infolge des Dahinsiechens seiner alten Band angefangen hatte, kurze grindig-crustige Songs zu schreiben. Holger, der Grindcore á la Extreme Noise Terror und Napalm Death neben Whisky vermutlich schon als Säugling im Fläschchen hatte (wir sind uns ziemlich sicher!), und er kamen auf irgendeiner Veranstaltung ins Gespräch und mit Moritz am Schlagzeug fanden dann die ersten Proben statt – wohlgemerkt noch ohne mich. Die Band war, bevor ich dazu kam, rein musikalisch orientiert – getreu dem Motto: Es gibt drei Beats: Blastbeat, D-Beat, Doublebass.
Nebenbei liefen aber noch die „Hauptbands“ von allen, sodass diese Band zunächst nur ein Projekt war. Das blieb auch so, als ich zur Band dazustieß. Wir kannten uns alle bereits durch unsere alten bzw. anderen Bands, hatten hier und da schon mal mehr oder minder miteinander gespielt und irgendwann fragten sie mich, ob ich dort nicht singen wolle, ich dürfe auch sehr gerne meine Überzeugung in die Texte packen, um dem ganzen dadurch eine extremere Note zu geben. Und zack, hatten sie mich! Denn ganz genau das tat ich dann auch. Da mir die Themen, die ich raus- schreie so am Herzen liegen, war es klar für mich, die ganze Geschichte auf deutsch durchzuziehen und das wird auch so bleiben.


Soweit ich das beurteilen kann, spielt ihr auf einem technisch ganz guten Niveau, insofern denke ich schon, dass es da einige Vorgänger-Bands gab, oder ?

Micha: Danke! Da freuen sich die Instrumentalisten, haha. Du hast völlig recht mit deiner Vermutung. Ich sprach ja schon davon, dass SCHLACHTUNG am Anfang insbesondere nur ein Projekt neben den Hauptbands war.
Chris' alte Deathmetal-Band Hexenhammer hat sich nach einem Album selbst in den Permafrost-Schlaf geschickt, sodass er der einzige war, der neben seinem Studium nichts musikalisch laufen hatte. Das führte dazu, dass er für SCHLACHTUNG nun umso mehr Power hatte, zumal er hier musikalisch seine Vision voll verfolgen konnte.
Holger war um die Jahrtausendwende mit Greed (groovender Neo-Thrash) ziemlich gut im Rennen, hatte zur Gründungszeit von SCHLACHTUNG allerdings Greed schon zu Grabe getragen, aber nicht ohne mit einigen der Greed-Jungs das Thrashmetal-Kommando Gods Will Be Done zu gründen. Du siehst – obwohl Holger der totale Grind-Maniac ist, hatte er bis dato keine solche Band, was schlicht dazu führen musste, dass er seit Gründung von SCHLACHTUNG mit vollem Herzblut dabei ist.
Moritz hat seine musikalischen Wurzeln im Hardcore und trommelte zunächst bei Intruder, später dann bei Steve Austin (Link zum kostenlosen Download der Discography bei Yakuzzi Tapes ist unten aufgeführt, lohnt sich !), welche für ihn wohl wohl die Brücke vom Hardcore zum Metal bildeten, wobei er zu der Zeit ohnehin schon viel Metalgeballer hörte. Ich glaube, Steve Austin war aber schon recht tot, als SCHLACHTUNG gegründet wurde. Im Jahr 2009 war Moritz dann mit Bloodwork (Melodic Death Metal) ziemlich erfolgreich auf den großen Festivals und in den Clubs in Deutschland und den angrenzenden Ländern unterwegs. SCHLACHTUNG war für ihn ein wichtiger Ausgleich neben den im Vergleich gemäßigteren Bloodwork, weshalb auch er Feuer und Flamme für dieses Projekt war, weil er endlich hemmungslos blasten konnte.
Ich habe zu der Zeit bei Despised gesungen, meiner Death Metal-Band, die ich 2003 mitbegründet hatte. Später, 2011, stieg ich dann auch als fester Sänger bei Bloodwork mit ein. Zu der Zeit, als wir SCHLACHTUNG formierten, war das aber noch nicht abzusehen.
Tja, und wie ich schon gesagt habe: ich war sehr motiviert, als mir klar wurde, dass ich meine Überzeugung in extremer Musik, irgendwo zwischen Death, Black und Grind, ausdrücken konnte.
Du merkst also – wir vier waren alle individuell extrem motiviert und mussten nur schauen wie wir  SCHLACHTUNG neben Job, Studium, Familie und anderen Bands gerecht werden konnten.


Im Gegensatz zum Debüt (kann auf der Bandcamp-Seite kostenlos heruntergeladen werden, Link am Ende des Interviews) ist euer Sound doch um einiges vielschichtiger und damit auch interessanter geworden, ich denke da nur an die verstärkten Black Metal - Elemente. War das eine bewusste Entscheidung oder ist das einfach „so passiert“ ? Ich finde die neue Scheibe letztlich doch um einiges stärker als das alte Material, wobei dies ja auch schon sehr gut war...

Micha: Ha! Das freut mich, dass du das so siehst – wir sind da vollkommen bei dir, besonders was das Vielschichtigere angeht! Bisher hat auch noch niemand gesagt, dass er den alten Kram besser findet. Aber ich finde, dass wir auf der EP da mitunter wahnsinnig starke Songs geschrieben hatten. In unserem Live-Set passen die alten kurzen, knackigen und die neuen, etwas längeren Songs problemlos zusammen.
Ich glaube, die Sache mit dem Blackmetal war eine Kombination dessen, was du angedeutet hast. Auf der EP gab es zwei Lieder („ManiVest“ & „Hinter tausend Stäben“), die schon recht starke Black Metal-Elemente in sich hatten. Die ersten „Mahnmal“-Songs waren eine logische Weiterführung der alten Sachen, einerseits im Grind-Bereich, andererseits im Death-Bereich. Tja, und dann kam „Verblendung“ und öffnete die Tore zwischen Grind und Black Metal, aus denen im Folgenden immer mehr der Pesthauch des Black Metals floss, haha. Und wir haben den pechschwarzen Strom fließen lassen.....
Ich habe das total gefeiert. Du musst wissen, dass ich immer schon Black Metal gehört habe, hauptsächlich die Sachen der 2nd Wave. Chris und Moritz entwickelten dann irgendwie während des Schreibprozesses eine immer wachsendere Begeisterung für Black Metal, was sich dann letztendlich auch im Songwriting (Riffs, Strukturen, Atmosphäre) widergespiegelt hat.
Die Genre-Mischung auf „Mahnmal“ ist in ihrer Vielschichtigkeit aber letztlich kein bewusstes Produkt. Wenn wir der Meinung waren, dass auf diesen melodischen, schwarzmetallischen Blastbeat einfach ein punkiger D-Beat folgen muss, dann kam der dahin. Punkt. Nebenbei bemerkt ist ja Black Metal – wie auch der (v.a. schwedische) Death Metal – bei der Geburt des Genres mitunter stark vom Punk beeinflusst gewesen. Sprich: Das muss einfach zusammenpassen. Hör dir mal Darkthrones „In the shadow of the horns“ ab etwas über der Mitte an, oder auch Carnage, Entombed oder Unleashed in ihren Anfängen, ebenso Obituary und Autopsy, wenn wir über den großen Teich blicken wollen.
Aber so bringt jeder das mit ein, was ihn gerade antreibt. Chris z.B. ist neben seiner momentanen Vorliebe für Black Metal seit Ewigkeiten unheimlich an Crust interessiert. Als wir SCHLACHTUNG gründeten, hat er mich erst mit Bands wie Fall of Efrafa, Ekkaia, From Ashes Rise oder Disfear infiziert. Vorher hatte ich diese Bands gar nicht auf dem Schirm.

Erzählt mal was über die Release-Party für's neue Album, wie war es ? Und wieviele Konzerte habt ihr schon gespielt, mit welchen Bands und wie waren die Reaktionen ?

Micha: Die Release-Party war richtig gut! Wir wussten zwar, dass wir mit dem Package an Bands nicht den Mainstream-Hörer erreichen würden, aber das ist völlig okay; wir hatten gute Besucherzahlen, trotz Veranstaltungen wie Rock im Revier mit Maiden oder dem Alerta Antifascista Death Fest in Hannover am gleichen Tag. Der Saal war voll und die Rückmeldungen grandios. Die Bands haben super zueinander gepasst und auch wenn das Spektrum etwas weitergefasst war, war alles das, was wir in die Musik von SCHLACHTUNG packen, an dem Abend auch in den anderen Bands vorhanden. Als Tipp von mir also an alle Freunde ehrlicher Underground-Musik: Tongue, Shitshifter und Opium Divan antesten! Lohnt sich definitiv !
Wahnsinnig viele Konzerte haben wir noch nicht gespielt, was u.a. am damaligen „Projekt-Status“ der Band lag. Nichtsdestotrotz waren da schon einige Highlights darunter, wie die Shows mit Yacöpsae, Morgoth oder Oathbreaker. Momentan sind wir aber aktiv auf der Suche nach Veranstaltern, um vermehrt live spielen zu können.

Warum habt ihr Euch entschieden, das Album nur als LP zu veröffentlichen ? Obwohl es doch eine Version mit beigelegter CD gibt, oder ? Wie hoch ist denn die Auflage und ist das Label namens „Serpentes“ von Euch extra für Schlachtung gegründet worden, im Netz findet man zum Label nämlich kaum Infos. Daran anschliessend die Frage: Lohnt sich für eine kleine Band wie Euch überhaupt der Vertrieb über Cargo , die meisten werden doch sowieso direkt über Euch bestellen, oder ?

Micha: Um diese Fragen zu beantworten muss ich Holger gleich mal mit ins Boot holen. Was ich dazu sagen kann, ist, dass wir alle schon immer eine Veröffentlichung einer eigenen Band auf LP haben. Wollten. CD-VÖs hatten wir alle schon, auch über kleinere Labels. Außerdem sind wir mitunter selbst Vinyl-Fans und wissen, dass das Medium gut zu unserer Musik passen würde. Die Sache mit den CDs ist folgende: Klar ist bei jeder LP von uns ein Downloadcode dabei, womit du dir deine eigene CD brennen kannst. Wenn du aber bei uns kaufst, gibt es die CD in Vinyloptik als Beigabe dazu. Ist natürlich für viele auch ein Kaufanreiz und ein kleines Dankeschön an alle, die direkt bei uns bestellen. Wir haben für Shows 100  Stück in edlem weißen Vinyl, passend zum Cover, machen lassen. Da ist jetzt weniger als die Hälfte nur noch übrig nach der Release-Party. Die schwarzen sind begrenzt auf 400.
Wie gesagt, den Rest muss Holger erzählen...

Holger: „Serpentes“ ist im Zuge der Produktion des Albums entstanden. Wir haben ja alle in der Vergangenheit mit anderen Bands unsere Erfahrungen mit diversen Plattenfirmen gesammelt. Als die Idee aufkam, „Mahnmal“ auf Vinyl zu veröffentlichen und Cargo Interesse an SCHLACHTUNG zeigte, dachte ich mir, das Ding ohne ein renommiertes Label durchzuziehen. Ganz ohne Hilfe ging`s natürlich auch nicht und deswegen bin ich sehr dankbar, dass „Stargazer Rec.“ die Promo-Arbeit übernommen haben.
Mit Cargo als Vertriebspartner ist die Scheibe natürlich weitreichender erhältlich. Wer kennt die Situation nicht, wenn man beim Stöbern im Plattenladen des Vertrauens oder einer Kette auf ein visuell ansprechendes Produkt trifft? Die Neugierde ist geweckt und man hört rein oder informiert sich im Netz darüber. Eventuell tätigt man sogar einen spontanen Verdachtkauf. Sicherlich laufen bei unbekannteren Bands hauptsächlich die Verkäufe über die eigenen Websites oder Shops, aber letztendlich ist es schön zu wissen, dass die Platte überall erhältlich ist.

„Unser Wohlstand baut darauf auf, dass andere keinen Wohlstand haben..... Kapitalismus ist die Büchse der Pandora unserer Zeit.“ 

,,Wir haben kein Informations-Defizit, wir haben ein Umsetzungs-Defizit.

 


Kommen wir zu den meiner Meinung nach sehr guten Texten, die zwar direkt die Dinge beim Namen nennen,aber nicht plump sind. Sehr gut finde ich den Text zu „...und Mammon lacht“. Ich denke auch, dass die Welt, gerade auch im Zeitalter der Globalisierung, total aus den Fugen geraten ist. Megakonzerne wie Amazon oder Microsoft  zahlen teilweise keine oder kaum Steuern in manchen Ländern, haben Ihren offiziellen Firmensitz in Steueroasen. Nationale Regierungen und Staaten werden erpressbar, nach dem Motto: Wenn unsere Firma nicht Subventionen und Steuererleichterungen kriegt, gehen wir eben in ein anderes Land etc.
Die Frage ist nur, was könnte man dagegen machen ? Wenn sich Staaten absprechen würden, wenn es schon in Europa einheitliche Steuersätze geben würde, wäre dem ja erstmal ein Riegel vorgeschoben, allein der Glaube fehlt mir. Was denkt ihr darüber, was könnte man verändern, sowohl auf politischer als auch auf persönlicher Ebene ?

Micha: Hey, danke!  Freut mich immer, wenn ich positives Feedback zu den Texten lese/höre.
Mit deinen Anmerkungen und Thesen/Fragen machst du ein großes Fass auf und wir könnten da bestimmt stundenlang drüber reden. Globalisierung ist ein riesiges Thema, ein fieser Moloch, den wir und v.a. die kommenden Generationen irgendwie bändigen müssen. Klar gibt es auch Lichtseiten neben den Schattenseiten, aber kurz gesagt teile ich deine Auffassung, was den Zustand der Welt (Politik und Wirtschaft) angeht.
In „...und Mammon lacht“ geht es genau darum, wie wir alle in dieses Netz eingeflochten sind. Unser Wohlstand baut darauf auf, dass andere keinen Wohlstand haben. Wir maximieren unseren Gewinn, indem wir den Gewinn der anderen klein halten. Kapitalismus ist die Büchse der Pandora unserer Zeit. Die Gier nach Geld und Macht ( - Geld v.a. als Mittel, um Macht zu erlangen) prägt die Weltwirtschaft und wird uns eingeimpft, sobald wir denken können. Und am Ende ist es der Dämon Geld, der lacht, weil ihm dermaßen gehuldigt wird, wie es die heutige Gesellschaft tut.
Ob wir da irgendwie raus können, weiß ich nicht. Kapitalismus abschaffen? Sozialismus, ohne dass er zur Diktatur pervertiert? Kann das klappen? Ich weiß es nicht. Kein Plan. Vielleicht können wir uns nur in gewissen Grenzen bewegen. Aber innerhalb dieser Grenzen ist es möglich, die Welt etwas besser zu machen. Jeder für sich. Aber da muss auch wirklich jeder dann etwas tun...
Klar, die Politik muss auch etwas ändern. Einwirken können wir da tatsächlich nur bedingt in unserer repräsentativen Demokratie, z.B. durch Aktionen in Zusammenarbeit mit Interessenverbänden, Mitarbeit in NGOs und durch Wahlen, um drei Möglichkeiten zu nennen. Aber wir können nicht alle Verantwortung auf „die da oben“ abschieben. Das ist zu bequem. So wird das nichts.
Viel Macht haben wir z.B. als Konsumenten. Wenn ich um schlechte Bedingungen, wie bei der Produktion von Schokolade und Kaffee weiß, dann bemühe ich mich, fair gehandelte Produkte zu bekommen. Wenn ich weiß, dass für Coca-Cola und Pepsi Kinder auf den Feldern stehen und Gewerkschafter liquidiert werden, wenn sie für faire Löhne kämpfen, dann verzichte ich fortan auch auf diese Marken. Wenn ich weiß, dass Nestlé den Zugang zu Grundwasser nicht als Menschenrecht ansieht, das Wasser abpumpt und den Menschen dann zu hohen Preisen verkauft, dann boykottiere ich diese Marke und alle, die damit verbunden sind. Im Internet findest du genug Infomaterial und Grafiken, die uns die Augen öffnen und uns aufklären. Wir haben kein Informations-Defizit, wir haben ein Umsetzung-Defizit ( - frei nach Hagen Rether). Wenn ich darüber hinaus weiß, dass in der Produktion von High-Tech-Geräten wie Handys oder Computern das Mineral Coltan benutzt wird, das in Afrika dazu führt, dass Bürgerkriege am Laufen gehalten werden und welches so heiß und blutig gehandelt wird wie Blutdiamanten, dann kaufe ich nicht ständig neue Handys und Computer, repariere alte oder „brauche“ alte Geräte von Freunden und Verwandten „auf“. Ethisch und moralisch korrekt zu leben, ist für mich ein Weg, kein Ziel. Niemand ist perfekt. Ich auch nicht. Lange nicht. Aber ich kann meine Möglichkeiten, die mir meine Lebensumstände bieten, nutzen! Für mich persönlich gehört auch das zum vegan leben - Für die Tiere, die Menschen und den Planeten.

In „Das Gift alter Fackeln“ sprecht ihr Pegidioten, AfD-ler und „besorgte Bürger“ an, nehme ich mal an. Wie ist Eure Meinung: Lieber solche Leute  total blockieren , oder mir den gemäßigten doch eventuell den Dialog noch suchen, eventuell kann man den einen oder anderen wieder aus diesem wirren Kreis herausholen...
Aber generell finde ich halt so beschämend, dass viele Leute nicht realisieren, dass die Flüchtlinge zum großen Teil auch wegen unseren Verhalten kommen, wenn die Industrienationen nach wie vor manche Länder gnadenlos ausbeuten oder eigene Produkte so subventionieren, dass die Menschen in anderen Ländern mit diesen Dumpingpreisen gar nicht mithalten können....oder, wenn Deutschland Waffen als dritt- oder viertgrösster Waffenexporteur in alle Welt versendet, wo die am Ende landen, weiß sowieso niemand....Ich sage ganz ehrlich, ich teile nicht mal die Auffasung vieler Politiker des eher linken Spektrums, dass die Flüchtlinge in dieser grossen Anzahl unseren „Fachkräftemangel“ (gibt es den überhaupt ? - es gibt auch interessante Dokus und Artikel die diesen als Märchen der  Wirtschaftsverbände entlarven....) beheben. Ich denke einfach, es ist unsere moralische Pflicht, diesen Mensch zu helfen, und dies lässt sich nicht an ökonomische Prinzipien abbilden. Wobei es natürlich generell besser gewesen wäre, man hätte die Flüchtlinge in Europa besser verteilt, dann hätte Ihnen bestimmt besser geholfen werden können, alleine schon, weil dann andere Kapazitäten orhanden gewesen wären. Dann hätten auch die Pegidioten nicht so eine Aufwind bekommen, andererseits sollte man Entscheidungen natürlich nicht von solchen Idioten abhängig machen...


Micha: Ganz ehrlich, da weiß ich jetzt nicht, was ich dem noch hinzufügen soll. Du hast da ja schon gut ausgeholt. Ich bin da sehr nahe bei dir!
Schwierig ist die Frage, ob man mit AfD'lern etc. reden sollte, oder nicht. Viel zu schnell blockt man ab, versucht sie zu diffamieren und auszublenden. Aber ich denke, Blockieren ist der falsche Weg, auch wenn man das Gift, was die rechts-konservativen Meinungsmacher verspritzen, am liebsten aus der Gesellschaft raushalten würde. Mit Sandsäcken des Anstandes gegen Neid, Missgunst und Fremdenfeindlichkeit. Tja, leider funktioniert das nicht. Das Gift sickert durch. Ob wir das wollen oder nicht. Es ist so weit durchgesickert, dass die AfD enorme Erfolge verzeichnet und deren Politiker (oder auch die der CSU) Sachen von sich geben, die wir im 21. Jahrhundert eigentlich für unmöglich gehalten hätten, ohne dass es einen großen Aufschrei gibt. Stattdessen findet es breite Zustimmung. Das Gift tut gerade seine Arbeit...
Das Gift alter Fackeln lodert wieder, ob wir es blockieren oder nicht, und wir müssen dafür sorgen, dass diese Fackeln nicht das anzünden, was unsere Eltern an weltoffener Gesellschaft nach dem Krieg aufgebaut haben. Wir müssen das Gift neutralisieren, wir müssen geeignete Gegengifte finden. Und übrigens ist das kein Phänomen, was sich auf die AfD konzentriert. Pegida war zunächst völlig separat davon zu sehen. Europaweit haben wir eine Welle des Rechtsrucks. Ungarn, Frankreich, Österreich,...
Kurze Antwort: Im demokratischen Diskurs mit Rechtspopulisten bleiben, sie nicht eine Märtyrer-Rolle einnehmen lassen, ihre Methoden transparent machen, für Aufklärung sorgen und dabei den Faschisten keinen Zoll weit nachgeben – das sollten wir tun. Dadurch können wir unsere Werte einer offenen, vielfältigen und friedlichen Gesellschaft verteidigen.

Wie beurteilt ihr über den Vegan-Trend ? Mittlerweile sind an grossen Bahnhofsbuchhandlungen unzählige Zeitschriften erhältlich, die sich mit Veganismus und Vegetarismus beschäftigen. Es gibt da auch Zeitschriften, da werden auf Modeseiten Klamotten vorgesellt, z.B. die „vegane Bluse“ für 290 Euro . Da habe ich of den Eindruck, da geht es nur darum, einen Trend zu folgen, alles ist nur ein hipper Lifestyle, auch um sich abzugrenzen, um die politische Dimension geht es da oft gar nicht mehr, höchstens noch um gesundheitliche Aspekte. Andererseits könnte man ja sagen, wenn jemand kein Fleisch mehr konsumiert ist da ja positiv, aus welchen Gründen er dies tut, könnte doch egal sein...Was denkt ihr darüber ?

Micha: Vegan ist gewissermaßen ein Label, das von unterschiedlichen Leuten ganz unterschiedlich verstanden wird. Zum Glück wird da gerade per Gesetz Begriffsklarheit geschaffen, aber das hilft nicht gegen das „Problem“, das du ansprichst: Die einen nutzen es im negativen Kontext und müssen den Begriff nur lesen, um automatisch Abwehrreaktionen zu liefern und wahlweise in den Angriffsmodus zu starten. Viele verbinden damit noch völlig anachronistische Klischees vom körnerfressenden, blassen Bubi in Birkenstock und seiner kränklichen Freundin mit Blutarmut.
Andere nutzen es, um damit Kohle zu machen, da sie checken, dass der Markt mittlerweile kaufkräftige Kunden aufbieten kann. Als ich vor knapp 11 Jahren anfing, vegan zu leben, gab es 2-3 Milch-Alternativen und ebenso wenige Alternativen zu Wurst und Fleisch. Rezepte gab es im Internet und wenn du gesagt hast, dass du nun vegan lebst, hat dich erst keiner verstanden und dann warst du der Spinner; heute bist du „in“ und „trendy“ oder halt ein „Mitläufer“, wenn man die Kehrmeinung nimmt... Dass es heute anders ist, finde ich gut. Dass damit Geld gemacht wird, ist nur natürlich. Wenn ich mich freue, dass auf meinem Mineralwasser demnächst draufsteht, dass es vegan sei und ich es dann für 2,99 die Flasche kaufe, bin ich selbst schuld. Die Händler nutzen den Begriff nun als Verkaufsargument und melken den Verbraucher, solange er sich melken lässt. Dass u.a. das „Vegan-Magazin“ sehr auf Mode und Style setzt, soll evtl. den o.g. anachronistischen Vorurteilen entgegenwirken.
Mir ging es nie wirklich um gesundheitliche Aspekte, da vegan zu leben für mich nicht nur die Ernährung betrifft, wie ich oben schon gesagt habe... Allerdings habe ich durchaus gesundheitlich profitiert und es ist ein legitimer Grund, deswegen seine Ernährung umzustellen; ebenso wenn jemand es wegen der Umwelt tut oder wegen unserer Mitmenschen, z.B. wegen jenen in den Erzeugerländern, die für das ganze Viehfutter-Soja (denn dafür geht der Großteil der Weltproduktion von Soja drauf) Monokulturen anlegen und ihre Böden so auspowern, dass sie selbst hungern müssen.
Prinzipiell ist es super, wenn sich mehr und mehr Menschen für eine tierleidfreie Ernährung bzw. eine solche Lebensführung entscheiden. Keine Frage! Und jeder erhält meine volle Unterstützung, wenn er es auch nur mal versuchen will.
Ich denke allerdings, dass nur die ethischen und moralischen Beweggründe wirklich nachhaltig sind. Denn wenn du einmal die Augen aufgemacht hast und die Scheiße gesehen hast, die hinter den Kulissen abläuft, dann kannst du nicht mehr wegsehen, ohne dich permanent selbst zu betrügen. Wenn du aber nur aus egoistischen Gründen eine vegane Ernährung bevorzugst, kannst du bequem weiter die Augen geschlossen halten und es völlig okay finden, dass deine Schuhe mal die Haut eines Wesens waren, das auch einfach nur leben wollte. Dann kannst du auch deine Veggie-Wurst-Alternative bei Wiesenhof und Rügenwalder kaufen und Salat bei McDonalds essen.
Mein Weg ist das nicht. Ich will mich nicht Tag für Tag weiter verarschen, nur um an der unsichtbaren Ideologie, Karnismus, die uns von Kindesbeinen an per Sozialisation und Erziehung eingebläut wird, festzuhalten.
Zusammengefasst: Zweischneidiges Schwert, dieser Trend. Wenn es nachhaltig dazu führt, dass die Welt eine ethischere wird, ist es super. Aber so 100%ig kann ich das aus o.g. Gründen nicht glauben...

Als Metalband im weiteren Sinne (habe auch gesehen, dass zumindest einer von euch Fan ist, das er ein Motörhead-Shirt trägt ) würde mich interessieren, was ihr über Lemmys Tod denkt. Lemmy war bestimmt 'ne coole Sau, andererseits finde ich, dass bei ihm sowohl zu Lebzeiten als auch postmortem manchmal sein selbstzerstörerischer Lebenstil  glorifiziert wird; ich stelle einfach mal die These in den Raum, dass er vielleicht doch nicht so ein glücklicher Mensch war, denn letztendlich ist er zumindest vom Alkohol ja nie losgekommen...

Holger: Da ich der Träger des Motörhead-Shirts bin, werde ich mich auch dazu äußern. Generell gesehen ist der Tod oder der Verlust eines geliebten Menschen eine beschissene Sache. Lemmys Tod kam zwar doch etwas plötzlich, aber nicht wirklich unvorhersehbar. Er hat halt sein Leben gelebt, wie er es wollte – das ist die Freiheit des Rock`n`Roll! Sein „selbstzerstörerischer Lebenstil“, wie Du es nennst, war für ihn normal. Mag sein, dass sein Konsum von einigen glorifiziert wird, was aber Bullshit ist. Das kann niemand nacheifern. Er hat ja auch niemanden geraten, so zu leben. Jedoch ist es nach wie vor ein medizinisches Phänomen, sich täglich 2-3 Liter Bourbon reinzuschrauben und abends noch 'ne Show zu zocken.
Er hat die  Geburtsstunde des R´n`R miterlebt, war Roadie für Hendrix, spielte bei Hawkwind und war mit Motörhead wegweisend für den Heavy Metal, bzw. Thrash Metal. Der Mann war äußerst bodenständig und hatte viel zu erzählen – nicht nur über Musik -  und das machte ihn aus, nicht seine Sauferei.
Ich habe in einem Interview mit seinem Manager Singerman gelesen, dass Lemmy wohl auf den Tod von Philthy Animal Taylor, der knapp einen Monat vor ihm verstorben ist, nicht klar gekommen ist. Aber dass er generell ein vielleicht doch nicht so ein glücklicher Mensch war, weiß ich nicht und kann es mir nicht vorstellen, denn er war Rock`n`Roll!

Micha: Ich habe mich nie viel mit Lemmy oder Motörhead beschäftigt, weshalb ich da nicht viel zu sagen kann. Was ich sagen kann, ist erstens, dass er und Motörhead essentiell wichtig für Rock/Metal/Punk waren, wie Holger schon angedeutet hat, und dass unsere Szene wohl kaum das wäre, was sie ist, wären Motörhead nicht eine der prägendsten Bands mit eben diesem ganz besonderen und auch recht besonnenen Typen namens Lemmy gewesen. Zweitens kann ich sagen, dass diese Fuck off – Attitüde zum Rock und Metal mit dazugehört, auch wenn es Leute wie mich gibt, die sich dem seit einigen Jahren entzogen haben. Aber das ist eine persönliche Entscheidung, denke ich. Wichtig für junge Hörer und Fans wäre es, wenn sie neben Lemmy und Co. auch andere Identifikationsfiguren hätten, die eine andere Option aufzeigen, wie man sein Leben leben kann. Zwar kam Lemmy nicht vom Alk los, aber das war eine individuelle Sache. Lies mal jüngere Interviews oder schau dir Dokus mit/über ihn an. Da ist viel Positives und von Grund auf Lebensbejahendes zu finden. Dass Lemmy also sehr facettenreich und nicht auf seine Sauferei zu reduzieren ist, sehe ich also genauso wie Holger.


Erzählt mal was über Paderborn, was kann man da (szenetechnisch und generell) so machen, gefällt es euch dort ?

Micha: Paderborn ist tatsächlich eine gute Stadt, vor allem was den kulturellen Bereich angeht, auch wenn die Stadt bzw. die Regierenden komischerweise ein Händchen dafür haben, es Kulturschaffenden immer schwerer zu machen...
Dennoch haben wir hier auch eine gute Musik-Szene, in der alles sehr freundschaftlich zugeht und wo gegenseitiger Support gelebt wird. Relativ regelmäßig finden hier Metal/Hardcore-Shows statt, wenngleich das alles auch mal mehr war. Ein ganz besonderes Highlight ist für Genre-Fans das „Thumbs Up – Fest“, welches meist um Halloween herum stattfindet und von Holger mitorgansisiert wird. Ich würde fast so weit gehen, es als Paderborner Pendant zum Alerta Antifascista Deathfest zu bezeichnen. Dort spielten letztes Jahr u.a. Kokomo, Deathrite, Phantom Winter, Thurm, Keitzer u.a. Wenn jemand auf harte Musik ohne Scheuklappen steht, sollte er die Reise wagen! Außerdem ist eigentlich immer ein Caterer vor Ort, der die Besucher auch mit veganem Futter versorgt, damit man die über zehn Bands auf wechselnden Bühnen auch bis zum bitteren Ende miterleben kann. Und dann kostet das Ding noch nicht mal 20 Euro... Fett!
Neben der Musik-Szene haben wir noch eine recht große Poetry Slam-Szene, die immer weiter wächst. Naja, und ansonsten, da muss man ehrlich sein, hat Paderborn seine drei oder vier Kneipen, wo man mal hingehen kann, aber nicht muss. Alternativ kann man hier wohl auch sehr gut beten. Eine der katholischsten und politisch schwärzesten Städte in NRW, würde ich sagen. Trotzdem ist die Lebensqualität, das muss man einfach festhalten, sehr hoch. Man muss ja nicht bei allem mitmachen. Und wenn AfD-Kundgebungen auch hier massiv auf Widerstand treffen, kann die Stadt so verkehrt gar nicht sein...


Habt ihr die jeweils neuen Alben von Discharge und Extreme Noise Terror gehört und falls ja,wie findet ihr sie ?

Holger: Aber selbstverständlich! Du glaubst doch wohl nicht in Ernst, dass diese Scheiben an mir vorbeigehen, haha ! Beide Bands haben mit ihren aktuellen Outputs sehr starkes Material veröffentlicht. Die E.N.T. ist gröber ausgefallen, als erwartet. Musikalisch ist es die gewohnte Materialschlacht und voll auf`s Maul, Dean Jones kotzt sich dermaßen aus… ein Traum!
Auf die neue Discharge war ich ja sehr gespannt! Aber ich muss sagen, da wurde alles richtig gemacht. Auch der neue Sänger ist top. Schön zu sehen, dass die Band, die mit „Why“ und „Hear Nothing, See Nothing, Say Nothing“ wegweisend für ein komplettes Genre war, wieder voll erstarkt am Start ist!
Der nächste Highlight wird die neue von Nails sein. Was davon bisher zu hören war, lässt das Herz höher schlagen, haha!


„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ 

 

Zum Abschluss: Manchmal denke ich, man müsste viel intensiver leben. Wir haben nur eine bestimme Zeit auf diesem Planeten, und am Ende zählt doch nicht Karriere und Geld etc. sondern dass man sein Leben gelebt hat, ohne sich zu verbiegen und auch für sein Ideale eingestanden ist.  Ab und zu kommen mir Gedanken, man müsste sich viel konsequenter für das Recht der Tiere, frei von Qual und Schmerz zu leben, einsetzen.
Eure Gedanken dazu ?

Micha: Ja, klingt komisch, aber je älter ich werde, desto bewusster wird mir das, haha. Sind dir diese Gedanken erst mit zunehmendem Alter gekommen? Bei mir ist es so.
Geld macht nicht glücklich, Karriere als solche auch nicht, aber kein Geld zu haben und ständig irgendwie zu schauen, wie du deine Familie durchbringen kannst, ist genauso mies. Der Mittelweg scheint es mal wieder zu sein... Dennoch sollten wir gucken, dass wir die Dinge, die uns wichtig sind (Familie, Freunde, Hobbies, Ideale) dafür nicht aus den Augen verlieren, da stimme ich dir völlig zu. Gerade jetzt, wo ich das schreibe, denke ich, dass ich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen sollte, anstatt bis abends am Schreibtisch zu sitzen und zu arbeiten...
Heutzutage fällt es mir viel leichter, zu meinen Überzeugungen und Idealen zu stehen und diese auch bei orkanartigem Gegenwind zu verteidigen, auch wenn ich das schon damals musste, als ich fast den Kontakt zu engen Freunden verloren habe, weil ich angefangen habe, vegan zu leben. Soviel zum Thema „Du machst das ja nur, um trendy zu sein!“ - Von wegen trendy...
Naja, wie gesagt, heute fällt mir das leichter. Zum einen weil mir die Meinung anderer Leute immer gleichgültiger wird und zum anderen, weil ich von moralisch-ethischer Seite schlicht weiß, dass ich richtig stehe. Ich beschäftige mich seit über 10 Jahren privat und auch teilweise beruflich mit der Thematik und angrenzenden Themen, sodass mir da so leicht keiner einen Bären aufbinden kann...

Und was deine letzte Äußerung anbetrifft, so kann ich diese nachvollziehen. Zwei Gedanken von mir dazu:
Im Talmud steht: „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte”. Ich bin nicht sonderlich religiös, auch wenn ich finde, dass die Religionen eine starke Bildsprache voller großartiger starker Symbole und eine tiefe, unsere Kultur prägende Mystik haben – deshalb verwende ich sie und Anspielungen auch gerne in meinen Texten. Aber auch wenn ich nicht dem jüdischen Glauben anhänge, so steckt in diesem Spruch viel Wahrheit. Dort steht „Leben“, nicht „Mensch“. Auch wenn es die Verfasser anders gemeint haben mögen, so schließe ich die Tiere dort mit ein.
Unsere Welt besteht aus Leben. Alles ist irgendwie miteinander verknüpft - denk nur mal an die Bienen und Insekten und ihre Aufgabe des Bestäubens... oder an die Meere, ihre Bewohner und ihre Aufgabe bzgl. des Klimas. Aber auch die, die keine Aufgabe haben, sind Teil des Ganzen, sind Leben, wollen leben. ( und ja, Pflanzen leben auch. Es kann, sofern wir überleben wollen, nur darum gehen, den Weg des geringsten Schadens zu gehen )
Unsere Welt ist Leben. Rettest du ein Leben, rettest du einen Teil der Welt und damit die ganze Welt...
Diese Rettung kann heutzutage passiv und aktiv gelebt werden.

Passiv, indem ich mich verweigere, am Karnismus weiter festzuhalten, nur weil es bequeme Tradition und Konvention ist, und anfange möglichst viel Leid zu verhindern, nenne es meinetwegen „vegan zu leben“. Aber den Begriff braucht man eigentlich nicht zu bemühen, denn für mich beinhaltet das auch, dass ich meinen Weg damit nicht als beendet sehe, auf tierliche Produkte zu verzichten. Weiter oben habe ich ja schon gesagt, dass vegan zu leben für mich ein immer weiterlaufender Prozess der ethischen Verbesserung ist. Und damit gehe ich schon über die gängige Begriffsdefinition hinaus...

Aktiv, indem ich wirklich direkt Leben rette. Das fängt bereits da an, wenn ich die Mücke in meinem Schlafzimmer nicht erschlage. Ich will sie nicht bei mir haben, ich will nicht dass sie mich sticht. Aber dass sie es versucht, das ist ihr gutes Recht. Vielleicht hat sie viel mehr Recht gerade hier zu sein als ich?! Wer entscheidet darüber, ob sie hier sein darf? Ich? Wer hat mir das Recht gegeben? Weil ich stärker bin? ...Wohin die Legitimation von Recht durch Macht und Stärker führt, wissen wir...

Weiter: Jedes Lebewesen will leben. Der Sinnspruch, der mich mehr als alles andere begleitet, ist der bekannte Satz von Albert Schweitzer: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Ob bewusst oder unbewusst, spielt dabei keine Rolle. Jedes Leben strebt danach, aufrechterhalten zu werden. Das ist, sehen wir jetzt vom Phänomen Freitod ab, eine geltende biologische Wahrheit.
Kann es also moralisch und ethisch falsch sein, wenn verhindert wird, dass Lebewesen getötet werden, nachdem sie ohne irgendein Verschulden eingesperrt worden sind um ihr Leben inmitten von Enge, Draht und Gittern zu verbringen? Kann es moralisch und ethisch falsch sein, sie zu befreien, damit sie in Freiheit leben können?

Allerdings müssen wir auch das bedenken: Wenn wir dem Henker die Axt wegnehmen, dauert es zwar einige Zeit, bis er eine neue hat, aber er bekommt sie und es wird weitere Opfer geben, die ihrem traurigen Schicksal dennoch nicht entfliehen können. So sieht es bisher aus und es dauert wohl auch noch, bis sich daran etwas ändert. Solange Menschen damit Geld und Macht erlangen können, wird sich letztlich nicht viel ändern. Aber ich habe die Hoffnung, dass es sich ändern kann!

Also sollten wir v.a. an der Wurzel  des Problems ansetzen. Sinnvoll und nachhaltiger ist es meiner Meinung nach also, an einer langfristigen Lösung zu arbeiten.

Erstens durch Aufklärung - in den Köpfen und Herzen der Menschen. Damit sie die Möglichkeit haben, den Horror, die Ausbeutung und das Leid zu sehen, das tagtäglich wegen und für uns stattfindet.

Zweitens durch Befähigung. Denn was nützt es mir, wenn ich um den Schrecken und das Unrecht weiß, aber keine finanziellen Mittel habe, mir entsprechende Produkte, seien sie nun tierleidfrei und/oder fair-trade, zu kaufen. Befähigung ist Sache der Politik. Dazu habe ich weiter oben schon etwas gesagt. 
Aufklärung kann jeder von uns aber täglich betreiben, erleben und andere erleben lassen. Jeder sollte für sich im Stillen prüfen, was er in seinem Leben anders machen kann, welche Möglichkeiten er oder sie hat. Und wenn wir ganz, ganz ehrlich zu uns sind, dann wird den meisten auffallen, dass sie die Möglichkeit haben, aktiv oder passiv die Welt zu einem besseren Ort für alle Erdlinge zu machen, ob im Kleinen oder Großen. Jeder prüfe ehrlich für sich selbst, wo er ansetzen kann. Der einzige, der hier betrogen werden kann, sind vor allem wir selbst. Denn wenn es mit uns zu Ende geht, müssen wir vor allem vor uns selbst gerade stehen können.
Und wenn wir die Möglichkeit haben, etwas zu ändern, dann ist es nur moralisch, dass wir diese Optionen auch umsetzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Zusammen können wir das schaffen, das ist meine Hoffnung.
Die Alternative ist, dass wir die Augen ganz fest zupressen, dass wir uns Tag für Tag weiter betäuben und ablenken, dass wir verdrängen und ignorieren, dass wir uns selbst betrügen und uns selbst verschuldet unmündig halten und blind überkommenen Traditionen nacheifern...
In unserem Inneren wissen wir aber, dass das nicht der richtige Weg sein kann. Deshalb:
Habt den Mut, macht die Augen auf!

https://www.facebook.com/schlachtung
https://schlachtung.bandcamp.com
https://www.instagram.com/schlachtung_official
https://yakuzzitapes.bandcamp.com/album/steve-austin-discography-tape

Samstag, 11. Juni 2016

Hier nun ein Interview mit Seb, dem Sänger der geilen MIND TRAP.
Seb war früher auch bei HIGHSCORE und danach bei SHORT FUSE, beides auch sehr gute Bands, zweitere haben vor kurzem noch einen Abschieds-Release veröffentlicht, ein paar letzte Gigs soll es auch noch geben, aber dazu mehr im Interview. Seb entpuppte sich als netter und reflektierter Gesprächspartner, dessen Ansichten ich grösstenteils teile. Lustig ist, dass wir vor etlichen Jahren mit unserer lokalen, längst nicht mehr existenten Konzertgruppe mal angedacht hatten, SHORT FUSE  zu veranstalten, was dann aber doch wieder verworfen wurde. So schliesst sich der Kreis. Aber lest selbst....


Hallo Seb, erzähl uns doch mehr über MIND TRAP-wann gründete sich die Band, aus welchen Beweggründen erfolgte die Gründung ? Wie sieht es mit Konzerten in nächster Zeit aus und wie waren die vergangenen ?

Na ja, die Idee für die Band ist in einer schlaflosen Nacht entstanden, in der auch die meisten der 'kitschigen' Demo-Texte entstanden. Es musste endlich mal eine Vegan Straight Edge - Band her ,haha !
Das war wohl so 2011/12 (?), und zu dem Zeitpunkt habe ich schon ein paar Jahre in Berlin gelebt und meine alte Band, Short Fuse, die eher in der Münsteraner Gegend angesiedelt war, lag schon länger auf Eis.
Es war von Anfang an klar, dass Wolfi Schlagzeug spielen sollte, und Jobst (der mittlerweile die Band wieder verlassen hat) auch dabei sein sollte. Problem war jemanden zu finden, der/die einen bestimmten Musikgeschmack und HC-Verständnis teilt und dann auch noch den Songschreiber - Part übernehmen könnte.

Victor, den ich über ein paar gemeinsame Freunde in Barcelona kennengelernt habe, war dann einfach das perfekte Match. Problem ist nur, dass er, und jetzt auch unser neue Bassist, in Moskau zuhause sind. Dadurch ist die Band recht 'langsam' und auch das live zusammenkommen um Shows zu spielen ist verdammt umständlich. 2013 ging's dann aber doch mit dem Demo los und wir haben es tatsächlich geschafft bis jetzt ein paar coole Shows zu spielen und sogar zu touren.


Da ich ja gerade Dich als Interviewpartner habe- warum lösten sich damals HIGHSCORE auf, was führte dann zu SHORT FUSE und dann wiederum zu MIND TRAP ? Welche guten und schlechten Erfahrungen hast Du mit beiden Bands gemacht, wie denkst Du an diese Zeiten zurück ?

Oh man, das könnten Romane werden, haha ! Mit zwei von den HIGHSCORE -Leuten (Matthias und Volker) bin ich schon zur Schule gegangen. Wir haben schon schon in den 80ern zusammen abgehangen und sind auch mehr oder weniger als so 'ne art 'peer group' gemeinsam zu Punk/Hc gekommen. Es gab von Anfang an schon irgendwelche Bands, zuerst wurden irgendwelche Sex Pistols-Sachen nachgespielt, später die Lieblings-NYC-HC Songs gecovert. Irgendwie ist da aber nie etwas draus geworden, bis sich dann fast ein Jahrzehnt später alle wieder in Münster getroffen haben und 1997 HIGHSCORE gegründet wurde. Jobst kannten wir schon von Shows, seinen Bands und seiner aktiven Zeit im Juzi-Göttingen. Der hat sich uns quasi aufgedrängt, daher die zweite Gitarre bei Higscore, haha. Den Bassisten Matze kannten wir nur vom Sehen, unter anderen von Konzerten, aber hauptsächlich weil der uns immer wieder im SSD-Sweater oder Infest -Shirt entgegengeskatet kam und so war klar, dass der Typ in die Band musste, der andere Matthias hat ihn dann rekrutiert. Ich glaube, dass wir ihm eher den ruppigere Fastcore-Anteil der Band zu verdanken haben. Der Rest stand damals eher auf Gorilla Buisits und Uniform Choice.

Highscore gab's dann auch sieben Jahre. Wir haben in den ersten vier Jahren gefühlt jedes Wochenende gespielt und meine Urlaube gingen komplett für's Touren drauf. Die Leute waren zum grössten Teil schon vor der Band meine Freunde und sind es immer noch. Musikalisch irgendwann ein Kompromiss, weil ich persönlich keinen Plan vom Songwriting habe und unsere Geschmäcker sich irgendwann etwas auseinander entwickelt haben. Irgendwann war dann die Luft endgültig raus und so gegen 2003 ist damals die Idee zu Short Fuse entstanden. Die Idee war, etwas roheren, dreckigen Hc-Punk ala frühe DC Sachen wie Youth Brigade und Iron Cross zu spielen. Es ging los als Zwei-Mann - Projekt mit Robin (Surf Nazis Must Die, Now Denial, Dean Dirg...), der drei Song für's erste Demo komplett selbst eingespielt hat. Ich hab dann drüber gesungen und damit sind wir dann auf die Suche nach Bandmitgliedern gegangen. 2004 lösten sich HIGHSCORE auf und SHORT FUSE hatte ein erstes Line-up (ohne Robin ) mit dem wir ein richtiges Demo aufgenommen haben und auch live spielen konnten. Nachdem wir 2007 in den USA getourt sind, gab es einen ersten Line-up Wechsel und Matthias hat dann den Gitarren-Part übernomme. Mit dem Typen im Boot wurde die Band vom Charakter her endlich zu dem was ich mir ursprünglich vorgestellt habe. Das lief dann so 'ne Weile, auch wenn die Band kaum jemand interessiert hatte. Als Acki dann aufhörte und Tim die 'Burnout' LP mit einspielte, hatten wir auch einen Tonträger draussen, mit dem wir absolut zufrieden waren. Wie bereits geschrieben, habe ich kurz darauf Münster den Rücken gekehrt und es ging nach Berlin. Wir haben uns vor kurzem aber doch noch aufgerauft um ein paar 'neue' Songs aufzunehmen, werden aber im Juli mit drei letzten Shows das endgültige Ende von SHORT FUSE besiegeln.

Da die Besetzung von MIND TRAP ja recht international ist-lebt ihr alle in Berlin, oder seid ihr in weit verstreut ? Wenn ja, wie probt ihr dann ? Und wie habt ihr Euch alle gefunden, kanntet ihr Euch schon vorher ?

Ich lebe in  Berlin. Wolfi in Kiel (früher in Dresden), die anderen beiden, Victor und Sasha leben in Moskau. Wir proben an sich nur vor den Konzerten, wobei wir ea auch eher selten schaffen zuzusagen, weil die Konstellation es einfach nicht regelmäßiger zulässt. Die Aufnahmen entstehen dann auch an solchen Wochenenden, meistens auch mit Konzerten verbunden. Die 'Dresden Sessions' haben wir z.B. letzten Sommer beim Proben vor dem Fluff Fest in Dresden aufgenommen. Es ist natürlich hilfreich, wenn man so einen eingefleischten Sound-Tüftler wie Wolfi in der Band hat, der sowas mit einem Notebook und zwei Hand-Aufnahmegeräten möglich macht.
Wolfi und ich kenne ich bestimmt schon seit Jahren. Bereits zu HIGHSCORE - Zeiten, aber auch mit SHORT FUSE, haben wir mit seinen Bands (Tangled Lines, Vitamin X, The Fight...) die 'Bühne' geteilt, die 'Victor - Story' wurde ja schon erwähnt. Bevor ich ihn persönlich kannte war mir seine frühere Band Rearranged (React Records) ein Begriff. Jobst, der auch bei HIGHSCORE war, ist einfach ein alter Freund und es war unumgänglich, dass, wenn wir es endlich schaffen eine Vegan-Edge - Band zu erschaffen, er dabei sein musste. Nachdem er aber aus persönlichen Gründen aussteigen musste, wurde Sasha rein geholt. Den kannte ich schon von The Pack und Occupation (die wir auch auf unserem kleinen Label SFR-Hardcore released haben), er und Victor sind auch alte Buddies und es ist bei den Entfernungen schon ganz gut, wenn sich wenigstens zwei ab und an zusammentun können um am neuen Material zu feilen.


Du hast ja lange in Münster gelebt und jetzt in Berlin. Ich war in beiden Städten lange nicht mehr,
aber generell ist das doch ein riesiger Unterschied, so vom beschaulichen Münster nach Berlin, oder ? Wo lebst Du lieber, was sind die Vor- und Nachteile ?

Münster war quasi meine (erste) Wahlheimat und ich habe da auch 15 Jahre lang gelebt und gearbeitet. Ich habe es mir auch sehr schwer getan mich von Münster zu trennen. Es war eine Zeitlang auch eine Stadt, in der es eine sehr große, lebendige, kreative Hc/Punk - Szene gab. Es existierten etliche Bands, Zines und halt Green Hell Records, für dich ich in den ganzen Jahren gearbeitet habe, zudem wurden viele Konzerte veranstaltet.

Das alles ist irgendwann ganz schön eingeschlafen, Leute sind weggezogen oder aus der Szene 'verschwunden', aber hauptsächlich musste im Leben etwas Neues her. Nach einer eher kurzen Episode in den Staaten bin ich dann eher aus einer Kurzschluss-Entscheidung nach Berlin umgezogen und habe quasi ganz neu angefangen. Das war eine eine sehr gute Entscheidung. Vor allem ist es so, dass wenn man aus festgefahrenen Verhältnissen ins eher Ungewisse aufbricht und etwas neues auf die Beine bekommt, dies einfach einen unglaublichen Boost für das Ego, den Alltag und das Leben an sich mitbringt. Ich habe keine Sekunde bereut aus Münster weggezogen zu sein und vermisse es auch erstaunlicherweise  überhaupt nicht. Berlin hatte ich vorher überhaupt nicht auf dem Schirm,  ich war früher eher kein Fan der Stadt. Und klar, es gibt Momente da nervt die Masse an Menschen und alles was damit zusammenhängt. Aber an sich hängst du in deinem eher beschaulichen Kiez ab, hast aber gleichzeitig auch die kulturellen Vorteile einer Weltmetropole, wenn du sie dir denn ab und an geben möchtest.

Erzähle doch noch mal kurz was zum neuen SHORT FUSE-Release mit den unveröffentlichten und neuen Songs, habt ihr Euch nochmal getroffen um bewusst so ein Abschieds-Ding zu machen  ?

Ein bisschen habe ich ja schon dazu geschrieben. Ich hatte seit fünf Jahren Songs auf meinem Rechner, zu denen ich nie die Texte eingesungen habe. Wir haben zwar 2009 gemeint, dass wir ja noch ne Abschieds 7“ aufnehmen und ein paar Shows spielen wollen, aber das ist dann irgendwann eingeschlafen. Ich habe an sich gedacht (bzw. in meiner Faulheit gehofft, haha ) das Thema sei durch, aber dann kam Tim vor ein paar Monaten drauf zurück und mir fiel keine passende relevante Ausrede ein mich zu drücken, haha, und dann ging alles recht flott. Der Rest traf sich ein paar mal in Dortmund zum Proben, wir suchten ein paar von den alten Songs aus, die uns noch am meisten angesprochen haben und Matze hat 2-3 neue Songs geschrieben. Die Jungs haben das ganze dann in Holland aufgenommen. Ich habe währenddessen vor meinem Notebook Gesangsstrukturen und Texte erarbeitet und anschließend die Vocals mit meinem Buddy Matthias (mein Highscore - Schulfreund) hier in Berlin aufgenommen. Ähnlich wie bei MIND TRAP wurden die ganzen Songs bis nach den Aufnahmen nie zusammen geprobt. Der Scheiss war dann echt innerhalb von 2-3 Wochen fertig und wurde bereits als Kassette auf SFR-Hardcore veröffentlicht. Die Vinyl Version (Phobiact- und Spastic Fantastic Records) sollte auch die Tage eintrudeln.


Seid ihr eigentlich schon öfters mit anderen Bands namens MIND TRAP verwechselt worden ? Es gibt da wohl so ne schreckliche Osnabrücker „Indie-Rock“ Band als auch eine Wiener Hc-Band mit gleichem Namen, aber bestimmt gibt es noch einige mehr...

Ach, das Thema ist einfach alt. Ich meine zu behaupten, dass du willkürlich jeden Bandnamen nehmen kannst und bei jedem 2.-3. Doppelungen findest... Short Fuse war ein 'Konzept', den Namen gab's vor der Band. Ähnlich war es mit MIND TRAP, das geht auf ein bestimmtes Straight Edge - Verständnis zurück. Sagt Dir die „Some Ideas Are Poisonous“ Ebullition Records - Compilation etwas?  Auch unabhängig von den darauf enthaltenen Bands ist das Konzept etwas ,wie auch ich persönlich zuerst mit Straight Edge konfrontiert wurde, eher in so einer Art  einer selbst gewählten Isolation. Ich bin zwar mit Punks aufgewachsen aber ich kannte jahrelang kaum jemand, schon gar nicht aus meinem nächsten Umfeld, der oder die Straight Edge gewesen wäre. Aber auch im gesellschaftlichen Kontext drängt man sich mit einer bewussten Entscheidung, vor allem gesellschaftlich etablierte und anerkannte Drogen abzulehnen, eher ins Abseits. Für mich war gerade dieser Zustand die Quintessenz des Punk-Seins. Dass es diese Wiener Band gab (gibt?) fand ich noch vor unserem Demo - Release heraus, aber wie gesagt  stand zu diesem Zeitpunkt das 'Konzept' schon und es führte in dem Zusammenhang kein weg mehr an dem Namen "MIND TRAP" vorbei. Es war mir/uns dann auch absolut scheissegal dass es eine namensgleiche Hc-Kapelle gab, diese andere Band habe ich nicht auf dem Schirm und sie interessiert mich auch nicht.

Du bist ja auch schon ein älteres Semester, also kennst Du ja  auch die früheren pre-Internet Zeiten. Was fandest du früher in der Szene besser, was schlechter ? Also ich muss ganz klar sagen, dass ich, auch wenn viele von den „guten,alten Zeiten“ (wahrscheinlich in Verklärung und als Abgrenzung zu den Jüngeren ) sprechen, die heutige Zeit bevorzuge. Man kann sich heute alles im Netz anhören, früher musst man Tonträger oft „blind“ kaufen und konnte sich nur auf ein gutes Review verlassen. Früher musst man Briefe hin-und herschicken , heute schreibt man eine E-mail. Klar, es war früher „anstrengender“ und wahrscheinlich auch spannender, neuen Bands zu entdecken , aber generell finde ich die neuen Kommunikationswege schon sehr angenehm.
Wie siehst Du das ?

Das Internet ist einfach ein Medium, das vieles leichter macht.
Das einzige Manko, dies ist nur eine Hypothese von mir, ist, dass man Dinge, die einem eher leicht in den Schoß fallen und dann auch noch in dieser Masse, vielleicht nicht so zu schätzen weiß...alles ist / wird recht schnell 'ausgeschlachtet' und natürlich auch sofort von den Mainstream-Medien aufgegriffen und vermarktet. Ich glaube sowas sind Gründe, warum es jüngere Kids heutzutage tatsächlich eher schwer haben etwas 'für sich' zu entdecken, in etwas Wurzeln zu schlagen. Das'Besondere, Eigene, Subversive' war vor dem Internet eher spürbar, greifbar.
Dass man Sachen irgendwo hoch laden kann und es für alle kostenfrei zugänglich ist, ist für mich sowas wie Realisierung des Non-Profit-DIY- Gedanken.
Es gab Zeiten da wurden CDs 'verteufelt'. Ich finde es kommt darauf an, wie man ein bestimmtes Medium (für sich) nutzt, wieviel man dem 'Mainstream', der jetzt natürlich näher gerückt ist und auch einiges kontrolliert, preis gibt – bzw. gar mit einbezieht – wo allerdings in meinem Verständnis Hardcore/Punk aufhört.


Was denkst du über Punk/Hc als Gegenkultur ? Wird dieses „Versprechen“ überhaupt, wenn auch nur teilweise, eingelöst ? Bei manchen Sachen, Projekten, Bands, denke dies schon, bei vielen aber auch gar nicht. Und auf einigen Konzerten habe ich mich auch schon recht unwohl gefühlt, Stichwort Selbstdarstellung, aber eher bei Konzertbesuchern..

Ich glaube, dass Hardcore einfach (auch schon immer) auf so vielen unterschiedlichen Ebenen existiert hat... Klar, da gibt es z.B. Dinge (Platten, T-Shirts), die irgendwie gehandelt werden, was an sich mit den Ideen/Idealen 'dahinter' nichts zu tun hat, denen eventuell sogar widersprechen. Irgendwie ist aber gerade eine bestimmte Ästhetik (Style?) auch ein Teil unserer Identifikation. Widersprüche sind in meinen Augen aber, und das gilt für jegliche Lebenslagen, irgendwo 'menschlich'. Diese auszuräumen, gerade auch im sich gern als 'sauber' definierenden HC/Punk Kosmos, ist utopisch. Verstehe mich nicht falsch, ich denke, dass es wichtig ist Dinge anzugehen, aber ich habe oft das Gefühl, dass der Weg leider allzu oft auf über eine äußerst unproduktive 'wie pisse ich dem anderen am besten ans Bein'-Ebene gegangen wird.
'Unsere Szene' ist natürlich allen zugänglich, und da treffen jegliche Charaktere aufeinander. Da gibt’s natürlich auch die Selbstdarsteller und andere Trottel die einem das ganze temporär vermiesen können. Das Versprechen, von dem du da sprichst, bleibt dann eher an dir für dich und mir für mich hängen, es so gut, wie wir können, umzusetzen.

Seid ihr alle in der Band (Vegan) Straight Edge ? Fall ja, wie wichtig ist der Punkt nach wie vor ? Könnte jemand in MIND TRAP  als Bandmitglied einsteigen, der ab und zu mal ein Bier trinkt oder eine Zigarette raucht, wenn es sonst auf allen Ebenen harmonieren würde ?

Ja, sind wir. Dies ist für jeden einzelnen in der Band ein Lebenskonzept und daher auch als Ganzes wichtig. Ich bin seit 25 Jahren Vegan Straight Edge. Straight Edge ist eine persönliche Geschichte, aber im Jahr 2016 sollte man geschnallt haben, welch wichtiger Faktor das eigene Konsumverhalten für die Existenz Aller und die sozialen und politischen Verhältnisse ist in unserem Kosmos ist.
Zur letzten Frage: NEIN!

Willst Du noch was loswerden ? Die letzten Worte gehören Dir...

Coole Fragen. Danke dafür.
Ich hoffe dass das ganze nicht zu statisch und verwirrend rüber kommt. Bin nicht wirklich jemand der seine Gedanken, schon gar nicht auf Abruf, ordnen kann.
Vielen Dank für den Support. Hardcore ist einfach das beste wo gibt!!!

https://mindtrap1.bandcamp.com
https://sfr-hardcore.bandcamp.com
https://www.facebook.com/Short-Fuse-209271233698
https://hardwarerecords.bandcamp.com/album/short-fuse-burnout-12